Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
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Zeichen der Zeit. Aber, abgesehen von vorübergehenden An-wandlungen des Pessimismus hat Carlyle die Möglichkeit einersocialen Reform immer wieder betont, ja nur von dieserVoraussetzung aus ist seine ganze schriftstellerische Thätigkeitzu verstehen, welche er als einen Beitrag zu jener Reform-bewegung betrachtete. Sein Optimismus beruht im Grundedarauf, dafs er selbst von der herrschenden Zeitrechnung freiwar 1 . Das, was er diePalingenesie der Gesellschaft" nennt,ist bereits im heranbrechen. Die grofsen Züge des Bildes, dasdie Gegenwart bietet, gehören noch einer destruktiven Periodean. Aber schon kann das Auge des aufmerksamen Beobachtersdie Keime, aus denen sich die Zukunft gestalten wird, unter denTrümmern entdecken, und ihnen nachzugehen, zu sehen, wieneben der Zerstörung bereits die Schöpfung hergeht, ist daströstlichste für das kurzlebige Individuum, das in solcher Zeitgeboren ist. Das Problem, welches der Gegenwart zur Lösunggestellt ist, lautet nach Carlyle dahin: werden wir imstandesein, den Individualismus, welcher heute die den Menschenbeherrschende Macht ist, zu überwinden und an seiner Stattsociale Motive wieder zur Geltung zu bringen? Diese Frageläfst sich auf die andere zurückführen, besitzt unsere Zeit dieKraft, an Stelle der veralteten und abgestorbenen Ideale neuezu schaffen, d. h. die Religion im weitesten Sinn in eine neuezeitgemäfse Form zu bringen?Der alte, göttliche Calvinis-mus", sagt Carlyle,erklärt, dafs sein alter Körper inFetzen zerfallen und vernichtet ist. Sein entkörperter und

1 In folgendem, eines Piaton würdigen Bilde spricht Carlyle diesenGedanken aus:Betrachte den Weltphönix in Feuerverbrennung undFeuerschöpfung. Weit sind seine schwingenden Flügel, laut ist seinTotengesang: Schlachtendonner und fallende Städte. Himmelwärts schlägtdie Flamme des Scheiterhaufens, alle Dinge in sich einhüllend: Gehurtund Tod einet Welt". (Schlufsworte derFrench Revolution" .)