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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Kampf oder Raub veranlafsten was ja auch oft genug der Fallist ) so würde kein ökonomischer Wert und kein ökonomisches Lebenentstehen.

Die Ethnologie belehrt uns über die erstaunlichen Willkürlichkeiten,Schwankungen, Unangemessenheiten der Wertbegriffe in primitivenKulturen, sobald mehr als die dringendste Notdurft des Tages in Fragesteht. Nun ist kein Zweifel, dafs dies infolge allenfalls in Wechsel-wirkung mit der anderen Erscheinung stattfindet: der Abneigung desprimitiven Menschen gegen den Tausch. Für diese sind mehrere Gründegeltend gemacht. Weil es jenem an einem objektiven und allgemeinenWertmafsstab fehlt, müsse er stets fürchten, im Tausche betrogen zuwerden-, weil das Arbeitsprodukt immer von ihm selbst und für ihnselbst hergestellt sei, entäufsere er sich damit eines Teiles seiner Persön-lichkeit und gebe den bösen Mächten Gewalt über sich. Vielleichtstammt die Abneigung des Naturmenschen gegen die Arbeit aus der-selben Quelle. Auch hier fehlt ihm der sichere Mafsstab für den Tauschzwischen Mühe und Ertrag, er fürchtet auch von der Natur betrogen zuwerden, deren Objektivität unberechenbar und schreckhaft vor ihm steht,ehe er in ausgeprobtem und geregeltem Austausch mit ihr auch seineigenes Tun in die Distanz und Kategorie der Objektivität eingestellthat. Das Versenktsein also in die Subjektivität des Verhaltens zumGegenstand läfst ihm den Tausch naturaler wie interindividuellerArt, der mit Objektivierung der Sache und ihres Wertes zusammen-geht, als untunlich erscheinen. Es ist tatsächlich, als ob das erste Be-wufstwerden des Objektes als solchen ein Angstgefühl mit sich brächte,als ob man damit ein Stück des Ich als von ihm losgerissen empfände.Daher sogleich die mythologische und fetischistische Deutung, die dasObjekt erfährt eine Deutung, die einerseits dieses Angstgefühl hypo-stasiert, ihm die einzige für den Primitivmenschen mögliche Begreiflich-keit gibt, andrerseits aber es doch mildert und, indem es das Objekt ver-menschlicht, es der Versöhnung mit der Subjektivität wieder näherbringt.Aus dieser Sachlage erklären sich vielerlei Erscheinungen. Zunächstdie Selbstverständlichkeit und Ehrenhaftigkeit des Raubes, des subjek-tiven und unnormierten Ansichreifsens des gerade Gewünschten. Nochweit über die homerische Zeit hinaus erhielt sich in zurückgebliebenengriechischen Landschaften der Seeraub als legitimer Erwerb, ja beimanchen primitiven Völkern gilt der gewaltsame Raub sogar für vor-nehmer als das redliche Bezahlen. Auch dies letztere ist durchaus ver-ständlich: beim Tauschen und Bezahlen ordnet man sich einer objektivenNorm unter, vor der die starke und autonome Persönlichkeit zurückzu-