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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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vollen Selbstzweck aus, für den Verschwender die zweite. Das Geld istfür ihn kaum weniger wesentlich als für jenen, nur nicht in der Formdes Habens, sondern in der des Ausgebens. Sein Wertgefühl baut sichin dem Augenblick des Überganges des Geldes in andere Wertformenan und zwar mit solcher Intensität, dafs er sich den Genufs diesesAugenblicks um den Preis erkauft, alle definitiveren Werte damit zuvergeuden.

Es ist deshalb sehr deutlich zu beobachten, dafs die Gleichgültigkeitgegen den Geldwert, der das Wesen und den Reiz der Verschwendungausmacht, dies eben doch nur dadurch kann, dafs dieser Wert als etwasEmpfundenes und Geschätztes vorausgesetzt wird. Denn offenbar würdedas Wegwerfen des Indifferenten selbst etwas ganz Indifferentes sein.Für die wahnsinnigen Verschwendungen des ancien regirne ist der folgendeFall typisch: als der Prinz Conti einen 45000 Francs werten Diamanten,den er einer Dame geschickt hatte, von ihr zurückerhielt, liefs er den-selben zerstofsen und benutzte ihn als Streusand für ein Billett, das erder Dame über die Angelegenheit schrieb. Dieser Erzählung fügt Tainedie Bemerkung über die damalige Anschauungsweise hinzu: on estdautant plus un homme du monde que lon est moins un homme dargent.Allein hierin lag doch eine Selbsttäuschung. Denn gerade das bewufsteund betonte negative Verhalten zum Gelde hat, wie durch einen dialek-tischen Prozefs, das gegenteilige zur Grundlage, aus der allein jenemirgend ein Sinn und Reiz kommen kann. Dasselbe ist auch bei jenen,in Grofsstädten hier und da bestehenden Geschäften der Fall, die gegen-über den durch Billigkeit wirkenden, gerade umgekehrt mit einer ge-wissen prahlerischen Selbstgefälligkeit betonen, dafs sie die höchstenPreise haben. Sie sprechen damit die Anwartschaft auf das beste Publi-kum aus, das nicht nach dem Preise fragt. Nun ist aber das Bemerkens-werte dabei, dafs sie nicht sowohl die Hauptsache die Sacheakzentuieren, sondern dieses negative Korrelat, dafs es auf den Preisnicht ankommt, und dadurch unbewufsterweise doch wieder den Geld-punkt, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, in den Vordergrunddes Interesses rücken. Wegen ihrer engen Beziehung zum Gelde ge-winnt die Verschwendungssucht so leicht einen ungeheueren Beschleu-nigungszuwachs und raubt dem davon Befallenen alle vernünftigenMafsstäbe: weil die Regulierung fehlt, die durch das Mafs der Auf-nahmefähigkeit konkreten Objekten gegenüber gegeben ist.

Das ist die genau gleiche Mafslosigkeit, die die geizige Geldgiercharakterisiert: die blofse Möglichkeit, die sie statt des Genusses derWirklichkeiten sucht, geht an und für sich ins Unendliche und findet