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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Periode von 183080 dauernd steigende Erträge geliefert. Dadurchentstand die Vorstellung, dies sei ein ins unendliche gehender Prozefs;so dafs die Güter nicht mehr nach dem Preise gekauft wurden, der demmomentanen Ertrage, sondern der dem künftig zu erwartenden, nach derbisher beobachteten Proportion gesteigerten entsprach der Grund derjetzigen Notlage der Landwirtschaft. Es ist die Geldform des Ertrages,die die Wertvorstellung so auf die schiefe Ebene lockt; wo er nur als«Gebrauchswert», nur seinem unmittelbaren konkreten Quantum nach inFrage kommt, findet die Idee seiner Steigerung eher eine besonneneGrenze, während die Möglichkeit und Antizipation des Geldwertes insunendliche geht. Hierauf gründet sich das Wesen von Geiz und Ver-schwendung, weil sie beide prinzipiell die Wertbemessung ablehnen, dieallein der Zweckreihe Halt und Grenze gewähren kann, nämlich die andem abschliefsenden Genüsse der Objekte. Indem der eigentliche Ver-schwender der nicht mit dem Epikureer und dem blols Leichtsinnigenzu verwechseln ist, so sehr in der individuellen Erscheinung all dieseElemente sich mischen mögen gegen das Objekt, wenn es einmal inseinem Besitz ist, gleichgültig wird, ist sein Genielsen mit dem Fluchebehaftet, nie Rast und Dauer zu finden; der Augenblick seines Eintrittsenthält "zugleich seine Aufhebung in sich, das Leben hat hier dieselbedämonische Formel wie das des Geizigen: dafs jeder erreichte Momentden Durst nach seiner Steigerung weckt, der aber nie gelöscht werdenkann; denn die ganze Bewegung sucht die Befriedigung, wie sie auseinem Endzweck fliefst, innerhalb einer Kategorie, die sich ja von vorn-herein den Zweck versagt und sich auf das Mittel und den vordefinitivenMoment beschränkt hat. Der Geizige ist der abstraktere von beiden;sein Zweckbewufstsein macht in noch gröfserer Distanz vor dem End-zweck Halt; der Verschwender geht immerhin noch näher an die Dingeheran, er verläfst die auf das rationelle Ziel gerichtete Bewegung aneiner späteren Station, um sich an ihr, als sei sie selbst das Endziel,anzubauen. Einerseits diese formale Gleichheit bei vollständiger Ent-gegengesetztheit des sichtbaren Erfolges, andrerseits das Fehlen einesregulierenden substanziellen Zweckes, das bei der gleichmäfsigen Sinn-losigkeit beider Tendenzen ein launenhaftes Spiel zwischen ihnen nahelegt erklärt es, dafs Geiz und Verschwendung sich oft an derselbenPersönlichkeit finden, sei es in Verteilung auf verschiedene Interessen-provinzen, sei es in Zusammenhang mit wechselnden Lebensstimmungen;Kontraktion und Expansion derselben drücken sich in Geiz und Ver-schwendung, wie in derselben, nur jedesmal mit anderem Vorzeichenversehenen Bewegung aus.

Simmel , Philosophie des Geldes. 2. Anfl,

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