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Durch den Charakter des Zweckverbandes aber, den das Einungs-leben deshalb mehr und mehr annimmt, wird es mehr und mehr ent-seelt ; die ganze Herzlosigkeit des Geldes spiegelt sich so in der sozialenKultur, die von ihm bestimmt wird. Vielleicht, dals die Kraft dessozialistischen Ideals zum Teil einer Reaktion auf diese entstammt;denn indem es dem Geldwesen den Krieg erklärt, will es die Isolierungdes Individuums seiner Gruppe gegenüber, wie sie in der Form desZweckverbandes verkörpert ist, aufheben und appelliert zugleich an alleinnigen und enthusiastischen Gefühle für die Gruppe, die sich in demEinzelnen erwecken lassen. Freilich ist der Sozialismus auf eineRationalisierung des Lebens gerichtet, auf die Beherrschung seiner zu-fälligen und einzigartigen Elemente durch die Gesetzmäfsigkeiten undBerechnungen des Verstandes; allein zugleich ist er den dumpfenkommunistischen Instinkten wahlverwandt, die als Erbschaft längst ver-schollener Zeiten noch in den abgelegeneren Winkeln der Seelen ruhen. Indieser Zweiheit von Motivierungen, deren psychische Standorte einanderpolar entgegengesetzt sind, und die ihn einerseits als das äufserste Ent-wicklungsprodukt der rationalistischen Geldwirtschaft, andrerseits alsdie Verkörperung des undifferenziertesten Instinktes und Gefühlslebenszeigen, liegt wohl die Eigenart seiner Anziehungskraft: er ist Rationa-lismus und Reaktion auf den Rationalismus. Der Sozialismus hat an deralten Gentilverfassung mit ihrer kommunistischen Gleichheit sein be-geisterndes Ideal gefunden, während das Geldwesen das Individuumauf sich rückwärts konzentriert und ihm als Objekte der persönlichenund Gemütshingabe einerseits nur die allerengsten individuellen Be-ziehungen, wie Familie und Freundschaft, andrerseits nur den weitestenKreis, etwa des Vaterlandes oder der Menschheit überhaupt, übrig ge-lassen hat — beides soziale Bildungen, die sich, wenn auch aus ver-schiedenen Gründen, der objektiven Vereinigung zu isolierten Zweckenvöllig fremd gegenüberstellen. Hier wird nun eine der umfassendstenund tiefgreifendsten soziologischen Normen wirksam. Zu den wenigenRegeln nämlich, die man mit annähernder Allgemeinheit für die Formder sozialen Entwicklung aufstellen kann, gehört wohl diese: dafs dieErweiterung einer Gruppe Hand in Hand geht mit der Individualisierungund Verselbständigung ihrer einzelnen Mitglieder. Die Evolution derGesellschaften pflegt mit einer relativ kleinen Gruppe zu beginnen,welche ihre Elemente in strenger Bindung und Gleichartigkeit hält, undzu einer relativ grofsen vorzuschreiten, die ihren Elementen Freiheit,Fürsichsein, gegenseitige Differenzierung gewährt. Die Geschichte derFamilienformen wie die der Religionsgemeinden, die Entwicklung der