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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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ziemlich eng begrenzt und bei überwiegend geistiger Arbeit eher herunter-als heraufgesetzt. Deshalb kann der Kraftersatz ebenso wie die er-forderliche nervöse Anregung bei geistiger Arbeit in der Regel nurdurch eine Konzentrierung, Verfeinerung, individuelle Angepafstheit desLebensunterhaltes und der allgemeinen Lebensbedingungen geleistetwerden. Zwei kulturhistorisch bedeutsame Momente werden hier wichtig.Unsere täglichen Nahrungsmittel sind in einer Periode erwählt und aus-gebildet worden, in der die übrigen Lebensbedingungen von den heutigender intellektuellen Stände sehr abwichen, in der Muskelarbeit und frischeLuft gegenüber der Nervenanspannung und der sitzenden Lebensweisedominierten. Die zahllosen, direkten und indirekten Verdauungskrank-heiten einerseits, das hastige Suchen nach konzentrierten und leichtassimilierbaren Nährmitteln andrerseits verkünden, dafs die Anpassungzwischen unserer körperlichen Verfassung und unseren Nahrungsstoffenin weitem Umfang unterbrochen ist. Aus dieser ganz allgemeinen Be-obachtung ist ersichtlich, mit wie grofsem Rechte für Menschen sehrdifferenzierter Berufe auch differenzierte Ernährung gefordert wird, unddafs es nicht nur Sache der Zungenkultur, sondern der Volksgesundheitist, dem höchstentwickelten Arbeiter die Mittel zu einer übernormalen,verfeinerten und durch persönliche Ansprüche bestimmten Ernährung zugewähren. Wesentlicher aber und zugleich verborgener ist der Umstand,dafs die geistige Arbeit ihre Vorbedingungen weit mehr in die Gesamt-heit des Lebens hin erstreckt und von einer viel weiteren Peripheriemittelbarer Beziehungen umgeben ist, als die körperliche. Die Um-setzung der körperlichen Kraft in Arbeit kann sozusagen unmittelbargeschehen, während die geistigen Spannkräfte ihre volle Arbeit im all-gemeinen nur leisten können, wenn, weit über ihr unmittelbar-aktuellesMilieu hinaus, das ganze komplizierte System der körperlich-geistigenStimmungen, Eindrücke, Anregungen sich in einer bestimmten Organi-siertheit, Tönung, Proportion von Ruhe und Bewegtheit befindet. Selbstunter denjenigen, die Geistes- und Muskelarbeit prinzipiell nivellierenwollen, ist es deshalb schon ein trivialer Satz, dafs die höhere Ent-lohnung des geistigen Arbeiters durch die physiologischen Bedingungenseiner Tätigkeit gerechtfertigt werde.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, dafs der modernegeistige Mensch so viel mehr von seinem Milieu abhängig zu sein scheint,als der frühere Mensch, und zwar nicht in dem Sinn, dafs er bildsamer,qualitativ bestimmbarer ist, sondern gerade so, dafs die Entwicklungseiner spezifischen Kräfte, seiner innerlichen Produktivität, seiner persön-lichen Eigenart nicht ohne besonders günstige, ihm individuell angepafste