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Ausgestaltungen im Material des Lebens: ästhetische, sittliche, soziale,intellektuelle, eudämonistische, haben, sondern wir sind sie. Dieseäufsersten Entscheidungen der menschlichen Naturen sind mit Wortennicht zu bezeichnen, sondern sie sind nur aus jenen einzelnen Dar-stellungen ihrer als deren letzte Triebkräfte und Direktiven heraus-zufühlen. Darum ist der Reiz der entgegengesetzten Lebensform ebensoindiskutabel, in dessen Empfinden sich die aristokratischen und dieindividualistischen Tendenzen — in welcher Provinz unserer Interessensie auch auftreten mögen — begegnen. Die historischen Aristokratienvermeiden gern die Systematik, die generelle Formung, die den Einzelnenin ein ihm äufseres Schema einstellt, jedes Gebilde — politischer,sozialer, sachlicher, personaler Art — soll sich gemäfs der echt aristo-kratischen Empfindung als eigenartiges in sich zusammenschliefsen undbewähren. Der aristokratische Liberalismus des englischen Lebens findetdeshalb in der Asymmetrie, in der Befreiung des individuellen Fallesvon der Präjudizierung durch sein Pendant, den typischsten und gleichsamorganischsten Ausdruck seiner innersten Motive. Ganz direkt hebtMacaulay, der begeisterte Liberale, dies als die eigentliche Stärke desenglischen Verfassungslebens hervor. »Wir denken«, so sagt er, »gar-nicht an die Symmetrie, aber sehr an die Zweckmäfsigkeit; wir ent-fernen niemals eine Anomalie, blofs weil sie eine Anomalie ist; wirstellen keine Normen von weiterem Umfang auf, als es der besondereFall, um den es sich gerade handelt, erfordert. Das sind die Regeln,die im ganzen, vom König Johann bis zur Königin Viktoria, die Er-wägungen unserer 250 Parlamente geleitet haben.« Hier wird also dasIdeal der Symmetrie und logischen Abrundung, die allem Einzelnen voneinem Punkte aus seinen Sinn gibt, zugunsten jenes anderen verworfen,das jedes Element sich nach seinen eigenen Bedingungen unabhängigausleben und so natürlich das Ganze eine regellose und unausgeglicheneErscheinung darbieten läfst. Und es ist ersichtlich, wie tief in diepersönlichen Lebensstile dieser Gegensatz heruntersteigt. Auf der einenSeite die Systematisierung des Lebens: seine einzelnen Provinzen har-monisch um einen Mittelpunkt geordnet, alle Interessen sorgfältig ab-gestuft und jeder Inhalt eines solchen nur soweit zugelassen, wie dasganze System es vorzeichnet; die einzelnen Betätigungen regelmälsigabwechselnd, zwischen Aktivitäten und Pausen ein festgestellter Turnus,kurz, im Nebeneinander wie im Nacheinander eine Rhythmik, die wederder unberechenbaren Fluktuation der Bedürfnisse, Kraftentladungen undStimmungen, noch dem Zufall äufserer Anregungen, Situationen undChancen Rechnung trägt — dafür aber eine Existenzform eintauscht,