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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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101
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Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 101

Gewandschneider um den Gewandschnitt ausartete. Mir scheintnun aber gerade diese politische Rolle, die durchgängig die Tuch-macher und Weher im 14. Jahrhundert spielen, ihr Streben, ihrerZunft und den andern Handwerkern zu Sitz und Stimme im Ratzu verhelfen, der ganz und gar zünftlerische Geist, den ihre Ord-nungen noch im 15. Jahrhundert atmen *, durchaus für ihren nochreinen handwerksmäfsigen Charakter zu sprechen. Hausindustriellehätten weder die Spannkraft, noch die specifisch zünftlerischeInteressiertheit für jene Vorkämpferstellung besessen, wie sie dieTuchmacher jener Zeit einnahmen. Aber auch für die ökonomischgedrückte Lage des damaligen Weberhandwerks läfst sich meinerAnsicht nach kein positiver Beweis erbringen. Die Deduktionen,die Schmoller zu der Behauptung führen, dafs das Verhältnis desTuchmachers zum Gewandschneider, wo ihm jeder Einzelverkaufuntersagt war,ein gedrücktes, durchaus ungünstiges gewesen seinmüsse, sind meiner Ansicht nach nicht stichhaltig. Dasselbe giltfür die kampflustigen flandrischen Weberzünfte im 14. Jahrli. 1 2 3 .

Besonders früh ist, wie wir wissen, die Florentiner Tuch-macherei kapitalistisch organisiert gewesen, aber selbst für Florenz dürfen wir annehmen, dafs bis um die Wende des 13. Jahrhundertsdie kaufmännisch-grofsindustriellen Elemente noch nicht die Über-macht über die Kleinmeister bekommen hatten 8 .

Von ebenfalls grofser Bedeutung war im Mittelalter die inter-lokale Leinenproduktion. Einer ihrer Hauptsitze war dieUmgegend von Konstanz . Hier arbeitete eine grofse Scharvon Handwerkern, allerdings grofsenteils ländliche Handwerker,deren Erzeugnisse von den Konstanzer Kaufleuten in alle Weltverführet wurden. Von den eigenen Häusern dieser Leinwand-händler in Paris und Brüssel erhielten wir schon Kenntnis. Aber

1 Vgl. die detaillierte Schilderung der Aachener Tuchmacherei heiThun, Ind. am N.Rh. 1, 8 ff., und jener der Schwarzwaldorte bei Go-thein, W.G. 1, 531. Aus beiden Werken habe ich den Eindruckjgewonnen,dafs der rein handwerksmäfsige Charakter auch der Export-Tuchmachereibis weit in die sog. neue Zeit erhalten geblieben ist. Bis tief ins 18. Jahr-hundert hinein handwerksmäfsig organisiert war auch ein Teil der englischenund französischen Tuchindustrie. Uber jene giebt Aufschlufs die Enquetedes Jahres 1806. Vgl. die Auszüge bei L. Brentano , Arbeitergilden 1 (1871) f95 ff; über diese P. Boissonade, Essai sur lorganisation du travail enPoitou. 2 Vol. 1900. 2, 139 ff.

2 Vgl. die anschauliche Schilderung jener Kämpfe bei L. Vander-kindere, Le sifecle des Artevelde (1879), 147 ff.

3 A. Doren, Studien aus d. Florentiner Wirtschaftsgeschichte 1 (1901), 27.