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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
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Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. [();j

gewerbe die Seidenindustrie gewesen. Es wird sich also nurum den Nachweis handeln, ob diese Industrie jemals handwerks-mäfsig organisiert war. Diesen Nachweis besitzen wir für Genua, von wo schon im 13. und 14. Jahrhundert Seidenzeuge ausgeführtwurden, während die hausindustrielle kapitalistische Organisationerst im 15. Jahrhundert ihren Anfang nimmt und das ganze Jahr-hundert gebraucht, wie von sachkundiger Seite gezeigt worden ist *,um sich gegen die handwerksmäfsige Organisation durchzusetzen.Noch lange Zeit, nachdem das Verlagssystem Wurzel geschlagenhat, finden wir beispielsweise die Seidenweber aufser für Verleger,auch noch für eigne Rechnung arbeiten 1 2 * .

Ganz ähnlich wie in Genua lagen die Verhältnisse in Venedigund in der Mutterstadt der europäischen Seidenindustrie Lucca. Auch in Venedig und Lucca hat es zweifellos handwerksmäfsigorganisierte Seidenindustrie gegeben. Diejenigen Seidenweber, dieim Anfang des 14. Jahrhunderts von Lucca nach Venedig aus-wanderten man nennt die Zahl 31 waren sicher wederLohnarbeiter (sie beschäftigten vielmehr selbst Gesellen) noch auchHausindustrielle (wie hätten sie dann auswandern können?), sondernsicher meist Handwerker 8 .

Noch 1432 wird den Venetianischen Seidenwebern erlaubt, aneinem Webstuhl für eigene Rechnung zu weben 4 5 . Ebenso erlangtendie Seidenweber in Lucca durch den Aufstand der Straccioni sogarnoch 1531 das Recht, an einem Stuhl für eigene Rechnung zu weben 6 .

Auch die Seidenindustrie in den Schweizerischen Städtenist anfangs bis ins IG. Jahrhundert hinein ein Handwerk 6 .

Aber selbst die Barchent- und Baumwollweberei, dievon vornherein eine Tendenz zum Export hatte, finden wir anfangsoft noch in durchaus handwerksmälsigem Rahmen. Besonders deut-lich tritt dies bei der Baseler Schürlitzweberei des 15. und 16. Jahr-

1 H. Sieveking, Die Genueser Seidenindustrie im 15. und 16. Jahr-hundert, in Schmollers Jahrbuch 21, 101 ff.

2 Sieveking, a. a. 0. S. 113 f.

8 Sandi, Istoria civile di Venezia. Parte II. Vol. I. pp. 247. 256.Cit. bei Ad. Smith, III. B. 3. eh.

4 Che ciascun mercadante testor abbia liberti di poter tessere al suoproprio con un solo teilar con le sue man proprie potendo tuor un garzon enon piü per aida di quel teilar. Broglio d Ajano, Die venetianische Seiden-industrie (1893) S. 49 f.

5 Tommasi, Arch. stör. ital. 10, 397 ff., cit. bei Sieveking, a. a. 0.S. 129.

6 G e e r i n g, 465 f.