Sechstes Kapitel.
Die Existenzbedingungen des Handwerks.
A. Die formalen Existenzbedingungen.
Die Frage: wie ist Handwerk möglich? ist, wie wir jetzt aufGrund der vorhergehenden Analyse aussagen können, die Frage:unter welchen Bedingungen vermögen durchschnittsbegabte gewerb-liche Arbeiter als selbständige Produzenten im Tauschverkehr ihrgutes Auskommen zu finden?
Darauf wird zunächst die Antwort lauten: unter der Voraus-setzung einer ihren Zwecken voll entsprechenden Wirtschaftsord-nung. In der That begegnen wir fast überall, wo wir auf hand-werksmäfsige Existenzen stofsen, einer in den Grundzügen über-einstimmenden Rechts- und Sittenordnung, was ohne weiteres denSchlufs nahe legt, dafs die Verwirklichung des handwerkerlichenStrebens an eine bestimmte Wirtschaftsordnung gebunden sei, auchwenn wir nicht, wie es thatsächlich der Fall ist, die Abhängigkeitdes einen vom andern im einzelnen nachzuweisen vermöchten.
So ist, wie man jetzt weifs, eine wiederkehrende Erscheinungin den meisten handwerksmäfsigen Epochen wirtschaftlichen Daseinseine eigenartige korporative Gliederung der einzelnenH andwerker eines Orts oder eines Gewerbes untereinander: das,was wir die gildenmäfsige, zünftige Organisation zu nennengewohnt sind.
Freilich, es ist noch gar nicht so arg lange her, da versuchteman uns die Erscheinung genossenschaftlicher Bildungen, wie mansie vor allem und zuerst in den Handwerker- und Kaufmanns-gilden des germanischen Mittelalters entdeckte, gar nicht historisch,sondern viel eher ethnologisch zu erklären. Man sprach von dereigenartig veranlagten Vo 1 ks s ee 1 e der germanischen Stämme,