Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 261
lassen. Was wir an zuverlässigem Zahlenmaterial über die Geld-geschäfte des Mittelalters besitzen, berechtigt zu dem Schlüsse, dafs wiruns den Umfang der Vermögensverschiebungen, wie sie in dem Zeit-raum vom 12. bis zum 15. Jahrhundert in Europa auf den gezeich-neten Wegen stattgefunden haben, nicht leicht zu grofs vorstellenkönnen. Soviel ist jedenfalls sicher, dafs die durch den Handelumgesetzten Werte in wesenlosem Scheine verschwinden, sobald wirsie in Vergleich stellen mit den Ziffern des Kreditverkehrs in dem-selben Zeiträume, dafs aber in noch gröfserem Abstande die vor-aussichtlich bei diesem verdienten Summen die denkbar höchstenHandelsprofite hinter sich lassen. Man wolle sich etwa vergegen-wärtigen, dafs ungefähr in derselben Epoche (Mitte bezw. Endedes 14. Jahrh.), als der Wert des gesamten Ausfuhrhandelseiner Stadt wie Reval 1—D /2 Mill. Mk., derjenige des „grofsen“Lübeck 2—3 Mill. Mk. h. W. (nach Stiedas Berechnungen) betrug,ein einziges florentiner Bankhaus (die Bardi) dem König von Eng-land über 8 Mill. Mk. h. W. (900 000 fior. d’oro), ein anderes (diePeruzzi) über 5 Mill. Mk. geliehen hatte 1 ; dafs zu der Zeit, da diesämtlichen hansischen Kaufleute für 5—600 000 Mk., die italieni-schen zusammen für D/ 2 —2 Mill. Mk. h. W. Wolle in England einkauften (Ende des 13. Jahrh.), ein einziger Pariser Wucherer(Gandouffle) einen Umsatz von 546000 Mk., die sämtlichen Lom-barden aber in Paris einen solchen von 61440000 Mk. h. W. ver-steuerten 2 3 . Was würde dagegen sogar die Million Dukaten Um-satz im Fondaco dei Tedeschi bedeuten, selbst angenommen, siesei richtig! Oder man bedenke, was es heifst, dafs die Genuesenund Pisaner den Kreuzfahrern vor Accon schon im 12. Jahrhundert26 4000 Mk. Silber, 2220 lb. tur. und 930 Unzen Gold borgen 8 ,also etwa D /2 Mill. Mk. Metallwert h. W.; dafs Ludwig der Heilige bei Kaufleuten ein Darlehn von 102780 2 /s lb. tur., also von mehrals 2 l / 2 Mill. Mk. h. W. aufnimmt 4 * ; dafs 1390, als die Juden-schulden in Regensburg aufgehoben wurden, sie einen Betrag vonca. 100 000 Goldgulden, also etwa 1 Mill. Mk. ergaben. „Und wieviel mögen die Regensburger Juden an auswärtigen Schuldnern ver-loren haben!“ 6
1 Nach Villani, der für diese Ziffern gewifs zuverlässig ist. 1320schuldeten die Johanniter den genannten beiden Bankhäusern 575 000 Gold-gulden. Bosio, 1. c. 2, 28.
2 Nach den umstehend mitgeteilten Ausweisen.
3 Piton, 21.
4 Schaube, Wechselbriefe, 608.
6 Stobbe. 137.