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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.

gülden rheinisch auff ein kux aussgetheilt. Aus der Geschichteseines eigenen liebenThaies (Joachimsthal ) weifs uns aber derfreundliche Pfarrer zu berichten x ,wie ein armer Bergmann, derselber mit seinem Weibe geschürfft, und vorm Ort gearbeitet, bisinn hunderttausent güldengrosehen . . aussbeut gehaben habe.

Noch im Jahre 1539 soll das von Anbeginn an überaus er-giebige (1552 schon 22913 Mk. Silbers liefernde) Bergwerk Rörer-bühl in Tirol von Michel Rainer einem armen Bergmann zusammenmit zwei Gefährten, die auf der Wanderschaft die Erze entdeckthatten, gemutet worden sein 1 2 .

Es fragt sich nun aber, ob derartigen Fällen, wie sie hier be-richtet werden, eine gröfsere Bedeutung für die allgemeine Ent-wicklung zuzuschreiben sei. Die Frage wird sich kaum mit Sicher-heit beantworten lassen, solange wir nicht die Entstehungsgeschichtesämtlicher Privatvermögen während des Mittelalters kennen, wiewir sie bis jetzt für ein paar Dutzend Familien wenigstens in denUmrissen besitzen. Einstweilen möchte ich nur auf einige Umständehinweisen, die es uns nahe legen, die Bedeutung der unmittelbar-ursprünglichen Accumulation für die Genesis des Kapitalismus nichtzu überschätzen. Das ist einmal die offenbar aufserordentlichstarke Zersplitterung, die während des gröfsten Teils desMittelalters, jedenfalls bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts hinein,bei dem Bezüge der Bergwerkserträge stattfand. Wir sahen schon,dafs in den Anfängen des Bergbaus die rein handwerksmäl'sige Or-ganisation vorherrschte, dafs aber auch später noch die Gewerk-schaften sich vielfach aus kleinen Leuten zusammensetzten, diedann natürlich nicht mehr als einen oder zwei Kuxe einer Zechebesafsen. Nun vergegenwärtige man sich die Kleinheit der Zechen,teile deren Erträge noch je in 128 Teile, um zu ermessen, wie imallgemeinen es sich nur um winzige Einkommen gehandelt habenwird, die die Gewerken aus dem Bergbau zogen. Die meistenwerden keine Seide gesponnen haben: ihnen bedeuteten die Sümmchen,die aus dem Bergwerksanteile ihnen zuflossen, einen willkommenenZuschufs zu den aus ihrer Hände Arbeit gewonnenen Mitteln zurBestreitung ihres bescheidenen Lebensunterhalts mehr nicht.Wie es dem Vater unseres wackeren Pfarrers von Joachimsthal erging, wird es den meisten Kuxbesitzerh ergangen sein: der einstattlicher Gewerk war und doch nicht die Mittel besafs, seinen

1 Joh. Matthesius, Sarepta, 17a.

2 von Sperges, Tyroler Bergwerksgeschichte, 120.