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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 337

wies mit der Verpflichtung zur Heeresfolge 1 , so entstand gar erstein Zerrbild des Feudalismus, wenn man nun auch die Städte ingleicher Weise zu Lehen austeilte. Und doch war die Form, inder die neuen Herren beispielsweise in Syrien und Palästina Besitzvon dem Gebiete ergriffen, gar keine andere als eben eine modi-fizierte Belehnung.

Die Genuesen oder Venetianer erhielten beispielsweise vonTripolis oder Acconein Drittel zugeteilt mit allen Insassen, mitHäusern, Gärten, Mann und Maus, gerade wie die fränkischen Ritterihren Landbesitz mit den darauf wohnenden Hintersassen zugeteiltbekamen. Was drei Jahrhunderte später die Spanier in Gestalt der sog.Encomiendas in Amerika einführten, war schon längst die Ansiedlungs-form in den levantischen Kolonien gewesen; und diese Form war nichtsanderes im Geiste als die Belehnung. Nur dafs nun natürlich im Verlaufder Entwicklung Vernunft ÜDsinn wurde. Die Lehensverfassungwar auf der Idee der Heeresfolge begründet; jetzt war von diesernichts mehr vorhanden. Die Seidenweber, die den Venetianern inihrem Dritteil von Tripolis zufielen, konnten nicht mehr als gefolgs-pflichtige Hintersassen betrachtet werden; sie waren vielmehr inganz andere Zweckreihen hineingezogen worden. Sie wurden erst-malig als Objekte zur Erzielung von Gewinn angesehen. Der In-halt der Beziehungen zwischen Oberherrn und Hintersassen war einanderer geworden, obwohl die Form geblieben war: ein Schul-beispiel dafür, wie die neuen Wirtschaftsprincipien sich lange Zeithindurch der alten Wirtschaftsformen bedienen, ehe sie andere nachihrem Bilde schaffen.

Man darf also getrost sagen, dafs die Encomienda die vor-herrschende Form der Kolonialwirtschaft in der Levante war; oderwenn man das deutsche Wort vorzieht, die Belehnung, sei es, dafsdiese an Private erfolgte, sei es, dafs die Belehnten gröfsere Ver-bände waren. Aus diesen Kolonisationsgesellschaften, wie sie unsnamentlich in den genuesischen Maone begegnen 2 , hat sich dann

1 So auf Kreta. Vgl. auch Noiret, 1. c., und dazu die Introduktionvon A. Haudecour.

2 Die berühmteste Maona ist die von Cliios, die im Jahre 1347 wiefolgt zu stände kam: eine zu anderen Zwecken von Privatreedern ausgerüstetePlotte hatte Chios erobert. Bei ihrer Rückkehr verlangten sie, wie aus-bedungen war, von der Regierung 203 000 Lire Ersatz. Da die Regierungnicht zahlen konnte, so wurde 26. II. 1347 diese Schuld in die Compera oderMaona Chii verwandelt. Zur Sicherheit und zur Verzinsung der Schuldwurden die Gläubiger mit Chios und Phokäa belehnt. Zwei JahrhunderteSombart, Oer moderne Kapitalismus. I. 22