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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtsehaft.

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Anwachsen des Reichtums in den italienischen Städten des Mittel-alters einigermafsen verständlich.

Dafür sollen nun im folgenden einige Belege beigebracht werden.Was die Westeuropäer auf dem flachen Lande in den bis dahinarabischer bezw. türkischer Herrschaft unterstehenden Ge-bieten antrafen, war eine zu Abgaben und Leistungen verpflichtete,halbhörige Bevölkerung, die in diesem Abhängigkeitsverhältnis seitJahrhunderten verharrte. Die Berichte, die wir über das Verhaltender neuen Herrscher besitzen, machen es wahrscheinlich, dafs dieLage der Bauern sich unter fränkisch-italienischer Herrschaft eherverschlechterte. Sie sanken vielfach auf das Niveau der Sklavereiherab.Ein Zug unmenschlicher Härte geht durch die fränkischenEinrichtungen auf diesem Gebiete; es wird sich kaum noch einBeispiel anführen lassen von einer so erbarmungslosen Geltend-machung des harten Rechtes der Eroberung, von dem hier nichtblofs die besiegten Feinde, sondern die Glaubensgenossen der Siegerbetroffen wurden . . Danach wird man füglich nichts anderes an-nehmen können, als dafs fast die ganze ländliche Bevölkerung dervon den Franken eingenommenen Landschaften einfach in Sklavereigeriet 1 .

Was aber für die Lande arabisch-türkischer Herrschaft gilt,dürfen wir auch für die Gebiete des byzantinischen Reichsannehmen, in denen sich die Italiener niederliefsen: dafs sie anStelle der alten Herren tretend eine mit Abgaben und Dienstenstark belastete, meist schollenpflichtige Bauernschaft zu ihrer Ver-fügung bekamen und diese sicher nicht weniger, sondern eher mehrals ihre Vorgänger anzuspannen verstanden 2 3 . Wo uns die Quelleneingehender über den Modus der Ansiedlung unterrichten, wirddiese Auffassung durch sie bestätigt. So erfahren wir Genaues

1 Prutz, Kulturgeschichte, 327. Damit übereinstimmend bemerkt Beug-not, 1. c.:Le servage sous les Francs ne parait avoir eu dautre rfegle quela volonte absolue, illimitöe des propri^taires. In 160 Dörfern, die die Tempel-herren in der Gegend von Safed besafsen, finden wir nicht weniger als 11 000f Sklaven beschäftigt. Prutz , a. a. 0. Die Formel der Beleihung war:alle

Rechte und Besitzungen an Männern, Weibern und Kindern werden über-tragen. Vgl. noch H. Prutz , Die Besitzungen des deutschen Ordens imheiligen Lande (1877), 60.

3 Über die mannigfach abgestuften Hörigkeitsverhältnisse im späterenoströmischen Reiche sind wir gut unterrichtet. Dafs auch die Sklavereiwährend des ganzen Mittelalters im byzantinischen Reiche fortdauerte, dürfenwir jetzt als verbürgt annehmen. Otto Langer, Sklaverei in Europa wäh-rend der letzten Jahrhunderte des Mittelalters (1891), 810.

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