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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtscliaft.

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pflanzt, um an dem neuen Orte sich normal weiter zu entwickeln:sie sind verpflanzt, um unterzugehen. Was in den 1830er Jahrenan Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen europäischen Kolo-nien ermittelt wurde, waren nicht ganz mehr 2Vs Millionen Köpfe 1 .Der gewaltige Rest des Imports ist während der 300 Jahre langsamim Dienst der Europäer aufgebraucht worden. Und ein ganzerErdteil ist darüber in Stagnation und Verfall geraten 2 .

Freilich beweist nun die Thatsache , dafs die europäischenKolonien seit ihrem Bestehen einen ungeheuren Verbrauch vonMenschenleben zu verzeichnen haben, noch nichts dafür, dafs nunauch die Kolonisten entsprechend hohe Wertsummen aus denKolonien, genauer aus dem verbrauchten Menschenmateriale sichdauernd zu eigen gemacht haben, beweist mit anderen Worten nochnichts für die Rentabilität und damit die Accumulationskraftder Kolonialwirtschaft.

Und gerade wieder in letzterer Zeit ist von hervorragenderSeite in einer Reihe von geistvollen Schriften abermals der Nach-weis zu führen versucht worden 3 , dafs die Sklavenarbeit unproduktiv,somit unrentabel sei, dafs die Sklaverei eineBegrenzung des Pro-fits bedeute und diesen auf eine ganz niedrige Stufe zu bringendie Tendenz habe. Woraus sich dann mit Notwendigkeit die Folgeergeben müfste, dafs die Europäer während der langen Jahrhunderteso viele Millionen von Menschenleben im Grunde nutzlos geopferthaben, d. h. ohne den Zweck zu en-eichen, mit hohen Profiten ihrVermögen anzuschwellen.

Einer solchen Auffassung gegenüber erscheint es nicht über-flüssig, daran zu erinnern, dafs die Unrentabilität der Sklavenarbeitnatürlich geknüpft ist an die Höhe der Produktenpreise. Erst wenndiese durch Beschäftigung billigerer freier Arbeiter gedrückt werdenkönnen, liefert die Sklavenarbeit keinenMehrwert mehr. DieseSenkung der Produktenpreise tritt aber erst spät ein: that is,

1 Moreau de Jonnös, 1. c. Die genaue Ziffer ist 2471594. Nach denzuverlässigen Ermittlungen Peytrauds belief sich die Zahl der Sklaven aufden französischen Antillen in den 1780er Jahren auf 683 121. P. nimmt an,dafs das der Rest von etwa 3 Millionen Importen gewesen seien.

2 Die Wirkungen des Sklavenhandels auf Afrika schildert anschaulichScherer, Gesch. des Welthandels 2, 101 ff.

3 A. Loria, Die Sklavenwirtschaft im modernen Amerika und im euro-päischen Altertume, in der Zeitschr. für Social- und Wirtschaftsgeschichte 4(1896), 67 ff., wo die Ansichten des Verfassers am ausführlichsten vorgetragensind. Vgl. dazu seine neueste Schrift II capitalismo e la scienza (1901), insbes.pag. 218 seg.