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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
sahen. Bleibt also nur die Möglichkeit, dafs es aus den Koloniender italienischen Staaten direkt ausgepumpt worden ist. Leidervermögen wir diesen Hergang nur ganz undeutlich zu verfolgen.Wir sind auf Schlüsse angewiesen, namentlich aus dem Vorgehender Europäer in den transoceanischen Kolonien, von dem das Ver-halten der Italiener in den Kolonien der Levante nicht sonderlichverschieden gewesen sein wird.
Alsdann würden sich folgende Arten der Aneignung jenerEdelmetallvorräte ergeben.
1. Die unmittelbare Accumulation, die wir bisher nurin der Form des
a) Bergbaus kennen. Ob dieser in der Levante währenddes Mittelalters eine gröfsere Bolle gespielt hat, vermögen wir aufGrund unserer heutigen Kenntnisse nicht zu sagen. Soetbeerneigt der Ansicht zu, dafs während der letzten Zeit des Mittelaltersdie Länder der Balkanhalbinsel und Kleinasien „ nicht unbeträcht-liche Quantitäten Gold und Silber“ produziert haben. Und sicher-lich war ein grofser Teil der besten Bergwerke in den Händen derItaliener. Von den serbischen Gold- und Silberbergwerken vonNowobrdo Janowo und Kotowo beispielsweise wissen wir, dafs sie umdas Jahr 1433 für eine jährliche Zahlung von 200 000 Duk. an die Vene-tianer verpachtet waren. G. Agricola erwähnt die reichen Silber-minen von Argentaro nördlich vom Athosgebirge, die zu seiner Zeitdem türkischen Kaiser jährlich 600 000 Duk. einbrachten. Wir dürfen
bilanz hatten. Bekanntlich hat man in grofsen Mengen arabische Münzenin Nordeuropa gefunden. Siehe die Belege aus der älteren Litteratur beiHeyd 1, 65 ff. — Ob die italienischen Städte, namentlich Venedig, auch eineaktive Handelsbilanz mit den Arabern der marokkanischen Küste gehabthaben, ist schwer zu entscheiden. Wenn wir hören, dafs sie von hier Goldbezogen (Reisebericht des M. Aloise da ca da Mosto bei Ramusio , Dellenavigationi ec. [1563], 100 E. [Rückseite]), so ist dies möglicherweise im Aus-tausch gegen Silber eingehandelt: die betreffende Quellenstelle läfst dieseDeutung sehr wohl zu. Und auch jene Goldmengen selbst können nicht be-trächtlich gewesen sein; jedenfalls möchte ich Soetbeers Meinung (Peter-manns Erg.-Heft 57, 43) nicht teilen, dafs es hauptsächlich das über Marokko auf dem Handelswege bezogene westafrikanische Gold gewesen sei, das dieitalienischen Städte befähigte bezw. veranlafste, im 13. Jahrh. ganz allgemeinzur Goldwährung überzugehen (1252 Fiorino, d’oro, 1283 venet. Dukaten).Mindestens ebenso starken Einflufs werden ausgeübt haben: 1. der vorwiegendeAbflufs von Silber; 2. die Rückbringung des Goldes aus der Levante auf denin der Darstellung bezeichneten Wegen: die italienische Kolonialherrschaftin der Levante hatte fast ein Jahrhundert gedauert, als die Goldwährung imMutterlande eingeführt wurde. —