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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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599
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 599

Ich habe so ausführlich bei der Beschreibung des Verfalles derhandwerksmäfsigen Schneiderei verweilt, weil über dieses wichtigeGewerbe noch besonders viel falsche Vorstellungen verbreitet sind.Ein grofser Teil von diesen ist auf die Konfusion zurückzuführen, diein Bezug auf die gewerblichen Wirtschafts- und Betriebsformenimmer noch weite Kreise beherrscht: die ewige, lästige Verwechs-lung von Handarbeit und Handwerk richtet gerade bei der Beurtei-lung der Entwicklung des Schneiderhandwerks wahre Verwüstungenin den Köpfen an. Dafs es für die kapitalistische Organisation ganzirrelevant ist, ob der Arbeitsprozefs auf Hand- oder Maschinenarbeitberuht, wird doch hoffentlich nun allmählich zu allgemeiner Kennt-nis gelangen.

Zum Abschlüsse sei noch ein kurzer Rückblick auf die Ergeb-nisse der letzten Seiten gestattet: Was die Revolution im Schneider-handwerk hervorruft, ist von der Konkurrenz der konfektio-nierten Ware abgesehen vor allem der Übergang vom Lohn-zum Kaufhandwerk. Damit ist der Schneider gezwungen, nebenbeizum Tuchhändler zu werden. Der Tuchhandel ist die Stelle, ander der Kapitalismus einsetzt, um auch die handwerksmäfsige Mafs-schneiderei aus den Angeln zu heben. Sobald das Handwerk andiesem Punkte angelangt ist, ist es für den Pfeil des Gegners ver-wundbar geworden. Eine Zeit lang freilich scheint es, als ob dieGefahr abgewendet werden könnte: wir sind wiederholt auf Fällegestofsen, in denen sich der Mafsschneider das Onus eines Tuch-warenlagers dadurch vom Halse hält, dafs er die nötigen Bestel-lungen des Rohstoffes von Fall zu Fall auf Grund einer Muster-karte bei einem auswärtigen Stoffversandgeschäft macht. DasVerwertungsstreben des Kaufmannskapitals kommt ihm dabei zu Hilfe.In den letzten 20 Jahren sind allerorts in Deutschland Geschäfteentstanden, die Kollektionen von Stoffmustern versenden und Be-stellungen auf jedes Quantum Tuch ausführen 1 . Es ist nun

1 Jede Zeitungsnummer enthält Annoncen solcher Geschäfte, und jederTag fast bringt uns eine Offerte ins Haus. Ich habe vor mir ein halbesDutzend derartiger Preislisten liegen aus Augsburg, Schweidnitz, Spremberg etc.In der einen heifst es (was typisch für den Betrieb derartiger Versand-geschäfte überhaupt ist):Leute, welchen an Ort und Stelle nur wenig gün-stige Kaufgelegenheit geboten ist, oder solche, welche unabhängig davon sind,wo sie ihre Einkäufe machen, beziehen ihren Bedarf am vorteilhaftesten undbilligsten aus meinem Versandgeschäfte, denn nicht allein, dafs hier diePreise besonders billig gestellt werden können und alle Sendungen francoins Haus erfolgen, ist ferner jedermann die Annehmlichkeit geboten, sichseinen Bedarf ganz nach eigenem Geschmacke und ohne jeden Kaufzwang