Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. (J27
häufig wiederkehrender Fälle: der Schlosser sucht die Schmiedearbeiten,der Schmied die Schlosserarbeiten an sich zu ziehen; die Zimmerei-betriebe verrichten die Bautischlerarbeiten; die Tischler setzen dieFensterscheiben ein; die Bäcker treiben nebenher Konditorei undPfefferküchlerei; Sattler- und Tapezierarbeiten werden vereinigt,auch wohl Stellmacher- und Schmiedearbeit zum Wagenbau. Esliegt hier also ein ähnlicher Vorgang vor, wie wir ihn in der Ent-wicklung der kapitalistischen Unternehmung zur kombinierten Unter-nehmung beobachtet haben, der freilich ganz anderen Ursachenreihenseinen Ursprung verdankt.
Wo aber eine solche Berufserweiterung nicht möglich ist, auchder Kundenkreis auf Kosten verwandter Betriebe am Ort füglichnicht weiter ausgedehnt werden kann, da liegt es nahe, das Pro-duktions- und Absatzgebiet räumlich zu vergröfsern, um an Ex-tensität wiederzugewinnen, was an Intensität verloren ist: der. Hand-werker greift in die Sphäre lokal von ihm getrennter Handwerks-betriebe hinüber.
Diese interlokale Expansionstendenz kann nun selbstverständ-lich bei der Natur des Handwerks immer nur eine beschränktesein. Aber als solche beobachten wir sie in häufiger Wiederkehr,namentlich in einer neuerdings stereotyp gewordenen Gestaltung:im Übergriffe des Landhandwerkers in die Produktions-sphäre seiner Kollegen in der Stadt. Aus naheliegenden Gründen sinddie Dorfhandwerker oft in der Lage, die Städter im Konkurrenz-kampf zu besiegen, und diesen Vorteil beuten sie nach Kräftenaus. Namentlich von Bäckern und Fleischern werden solche Über-griffe in städtisches Gebiet berichtet: der Bäcker aus Berlin
(U. VII, 135), Breslau (U. VII, 117 f.), Jena (U. IX, 212 f.), Eis-leben ( U. IX, 293) u. a. O.; der Fleischer aus Jena (IX, 2), Leipzig(VI, 146 f.), Deutsch-Lissa ( IX, 489 f.) u. a. O. Aber auch in zahl-reichen anderen Handwerken macht sich die Konkurrenz derDörfler empfindlich fühlbar, so die der Landsattler, Landstell-macher etc. 1 , der Zimmerleute 2 3 .
In allen zuletzt besprochenen Fällen dient dem Handwerksein altes Gewerbe zum mindesten als Ausgangs- und Stützpunktfür die erweiterte Thätigkeit: was er sucht, ist nicht eigentlichNebenbeschäftigung, sondern Mehrbeschäftigung auf seinem spe-
1 Vgl. U. IX, 496. 530. 531 und weitere Belege im Index der U. s. v.
„Dorf handwerk“.
3 U. III, 86.
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