Drittes Kapitel. Die neue Technik.
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müssen wir uns in den Einzelheiten klar zu werden versuchen,worin denn eigentlich die Verdrängung des empirischen durch dasrationelle Verfahren gipfelt, worin der Wesensunterschied zwischendiesen beiden Methoden der Technik beruht.
Ist die Grundfrage jeden Kunstverfahrens: wie etwas gemachtwird ? 1 so geht das rationelle Verfahren von der Frage aus:warum etwas geschieht? Uber die rein teleologische Betrachtungdes Produktionsprozesses dringt es zu einer kausalen Erklärungvor: es sucht die Ursachen festzustellen, die zu einer bestimmtenWirkung führen. Nicht dafs eine Ochsenhaut gar wird, wenn sieeine Zeit lang in einer Brühe von bestimmter Zusammensetzunggelegen hat, ist das, was interessiert, sondern warum sie gar wird,welche Vorgänge es bewirken, dafs sich jene Umwandlung in derZusammensetzung des Leders vollzieht, die wir mit dem Ausdruckdes Gerbens bezeichnen. Das rationelle Verfahren betrachtet da-her in erster Linie jeden Produktionsvorgang als einen Natur-prozefs, während das Kunstverfahren ihn unter dem Gesichtspunktder Arbeitsverrichtung angesehen hatte. War diese nach Regelnausgeübt worden, so vollzieht sich jener nach Gesetzen, deren Er-gründung und Benutzung als die eigentliche Aufgabe des rationellenVerfahrens erscheint.
Die gewaltige Bedeutung dieser scheinbar unwesentlichen Ver-änderung liegt nun aber in folgendem. Zunächst erfährt eine gänz-liche Umgestaltung dasjenige, was ich die Art des Besitzes destechnischen Könnens nennen möchte. Dieses wird durch dieEinbürgerung des rationellen Verfahrens gleichsam objektiviert. Wirsahen früher: jedes Kunstverfahren ruht in der Persönlichkeit des„Meisters“ eingeschlossen; es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Nurwas der Lernende ihm abgelauscht und abgeschaut hat, das dauertüber seinen Tod hinaus, schlägt Wurzel abermals in einer Persön-lichkeit, um mit dieser wiederum zu Grunde zu gehen. Das ratio-nelle Verfahren steht demgegenüber verselbständigt, objektiviert alsein für jedermann beliebig fafsbares und erreichbares Wissen aufser-halb jeder ausführenden Persönlichkeit. Einmal durch Wort undSchrift fixiert ist es unvergängliches Eigentum aller künftigen Gene-
1 Auf diesem empirischen Standpunkt stehen auch noch die älteren Lehr-bücher der Technologie, in Deutschland die der sogen. Beckmannachen Schule.Sie beschreiben „die bei technischer Verarbeitung irgend eines Rohstoffes undHerstellung gewisser Kunsterzeugnisse aus denselben vorfallenden Arbeitennebst den dazu dienlichen Apparaten, Werkzeugen und Maschinen in chrono-logischer Aufeinanderfolge“. Kar marsch a. a. 0. S. 881.