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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

aber nicht Böhm-Bawerk. Und doch bleibt dieser nach wie vorbei seiner Behauptung stehen: es werde das Wirtschaftsleben (in-sonderheit das der Gegenwart) von der Tendenz zur Verlängerungdes Produktionsweges beherrscht. Und hat er damit etwa nichtrecht? Ist es nicht der längere Weg, den die maschinelle Herstellungvon Leinengarn zurücklegt, als der, auf dem die spinnende Bäuerinzum Ziel gelangt: beide Mal angenommen, dafs die Produktion derWare selbst samt derjenigen ihrer Produktionsmittel gerade jetztim Augenblicke anfange. Gilt nicht dasselbe für jede Produktionauf hoher technischer Basis unter Anwendung grofser Maschinen-systeme in mächtigen Fabrikgebäuden, wo ein gewaltiger Apparatvon Produktionsmitteln in Bewegung gesetzt wird, im Vergleichzu der technisch weniger vollendeten Herstellungsweise? Selbstwenn man zögern möchte, eine Allgemeinheit dieser Tendenzanzuerkennen: so viel ist doch sicher, dafs in der überwiegendenMehrzahl der Fälle sich ihre Wirksamkeit beobachten läfst. Wirkönnen als Regel annehmen, dafs die vollkommenere Verfahrungs-weise einer mächtigen Zusammenfassung produktiver Kräfte, ge-nauer: einer stärkeren Verwendung von Produktionsmitteln bedarfals die weniger vollkommene. Da diese aber die Produktionals Ganzes genommen vor Beginn des eigentlichen Produktions-prozesses immer erst herzustellen sind, so dauert es natürlich alle-mal länger, ehe die erste Menge Produkt mittelst des vollkommenerenVeifahrens gewonnen wird.

Im praktischen Wirtschaftsleben tritt nun freilich dieser Sach-verhalt niemals unmittelbar als solcher in die Erscheinung: brauchtja doch kaum eine längere Spanne Zeit zu vergehen, bis derFabrikant seine Schuhfabrik, als bis der Schuster seine Werkstatteingerichtet hat. Beide kaufen alles, was sie zur Produktion be-dürfen, fertig auf dem Markte. Und wenn sie nun ihre Thätigkeitbeide an demselben Tage beginnen, so haben am Abend diesesTages in der grofsen Fabrik hundert Arbeiter 100 Paar Schuhelix und fertig gestellt, während auf dem Arbeitstisch des Schustersein Paar in halbfertigem Zustande liegt.

Gleichwohl macht sich auch in der Praxis jene Verlängerungs-tendenz (wie wir der Einfachheit halber fürderhin sagen wollen),wenn auch auf Umwegen, bemerkbar. Und zwar darin, dafs sieauf eine Verlängerung der Umschlagsp eri oden desKapitals hinwirkt. Jeder Ersatz der Handarbeit durch Maschinen-arbeit bedeutet eine Vermehrung des fixen Kapitals im Verhältniszum Gesamtkapital, retardiert also den Rückstrom des Kapitals zu