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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

lieber Wirtschaften und mufs deshalb in diesem gröfserenRahmen im Zusammenhänge und ausführlicher erörtert werden.

C. Der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf

dem Lande.

Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, dafs dieExistenz der Bevölkerung in den modernen Staaten seit Ausgangdes Mittelalters, in der Dichtigkeit, wie sie sich allmählich heraus-stellte und vor allem auch in der gleiclunäfsigen Verteilung überdas Land in wachsendem Umfange allein durch das Vorhandenseineines Nebenerwerbs aus gewerblicher Thätigkeit ermöglicht wordenist. Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neu-land abgeschoben werden konnte, mufste, soweit nicht eine Herab-drückung des Lebensstandards als Auskunftsmittel gewählt wurde,bei der geringen Aufnahmefähigkeit der Städte und der geringenEntwicklung der landwirtschaftlichen Technik durch Verwertungseiner Arbeitskräfte mittelst gewerblicher Thätigkeit sich am Lebenzu erhalten suchen. Das galt natürlich in erster Linie von denunteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: den Kleinlandwirtenoder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherr sein, der seineHintersassen gewerblich thätig sein hiefs, um ihre Produkte, dasGarn oder dergl. zu verkaufen; mochte der Gedanke der Erzeugunggewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuerlichenBevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Fausterfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern der Gebirgs-gegenden, den Schwarzwälder Uhrmachern in früherer Zeit, denPantoffelmachern, Schnitzern, Strohflechtern u. dergl., aber auch beiden landwirtschaftlichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei etc.;mochte es endlich das Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein,das auf der Suche nach passender Verwendung, wie allgemein bekannt,in den vergangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging,um hier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigen-gewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges' eineder zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: soverschieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war,der sachliche Effekt, auf den es uns hier allein ankommt, war überallderselbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit,als Zubufse zu den übrigen-Ressourcen der schwächeren Existenzenauf dem Lande.

In Deutschland waren diese ländlichen Gewerbe vor allem seitMitte des 18. Jahrhunderts zur Entwicklung gelangt, und man kann