Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels.
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Vorher möchte ich jedoch noch mit wenigen Worten einerAbsatzform Erwähnung thun, die häufig im Zusammenhänge mitdem Hausierhandel genannt wird und auch mancherlei verwandteZüge mit ihm aufweist; ich meine
C. Wanderlager und Wanderauktionen b
■>, Nach der neuen deutschen Gesetzgebung versteht man unter
dieser Bezeichnung solche Unternehmungen, in welchen aufser-lialb des Gemeindebezirks des Wohnorts des Unternehmers, ohneBegründung einer gewerblichen Niederlassung und aufserhalb desMefs- und Marktverkehrs von einer festen Verkaufsstelle aus (Laden,Magazin, Zimmer, Schiff oder drgl.) vorübergehend Waren — gleichob zum Verkauf aus freier Hand oder im Wege der Versteigerung— feilgeboten werden. Es handelt sich somit um eine Art vonZwitter zwischen Hausiererei und sefshaftem Handelsbetrieb; umsefshafte Handelsunternehmungen, ist man versucht zu sagen, dieim Umherziehen betrieben werden: von jenen haben die Wander-lager das Merkmal der ladenmäfsigen Auswahl und Anordnung, vondiesen das Merkmal des vorübergehenden Aufenthalts. Auch wanderndeMarktbuden könnte man sie heifsen. Jedenfalls ist dieses klar: eshandelt sich bei dieser Absatzfonn um rein aus kapitalistischemGeiste geborene Gebilde. Und es hat eine Zeit lang den Anscheingehabt, als ob die Einrichtungen der Wanderlager und Wander-auktionen zu grofsen Dingen bestimmt seien.
Wenigstens mufs man das entnehmen aus dem Interesse, dasihnen namentlich in den 1870er Jahren entgegengebracht wurde.Damals waren sie für die sefshaften Herren Krämer etwa derselbeBubu wie heute die Bazare 1 2 . Und den Klagen der bedrohtenMittelstandspolitiker verdanken wir die einzige Erhebung, die überdie Wanderlager gemacht ist. Danach wird allerdings als fest-
1 Litteratur vakat. Die Schrift von S. Marx, Die Wanderlager. Einevolkswirtschaftliche Studie (2. Aufl. 1886) ist ein dürftiger Auszug aus der
p amtlichen, im Reichskanzleramt zusammengestellten Enquete des Jahres 1878
(Nr. 186 der Drucksachen des Reichstags 3. Leg.Per. II. Sess. 1878), die fürdie ältere Zeit unsere Hauptquelle bildet und der für die Gegenwart nichtsan die Seite zu stellen ist. Einiges Material findet sich in der Hausierenquetedes Y. f. S.-P.; vgl. nam. H. 5, 254 ff. (für Baden).
2 Ein Stimmungsbild aus jener Zeit giebt das Referat L. Brentanosüber eine Enquete der Gewerbekammer Zittau betr. Wanderlager undWanderauktionen in der Lausitz in seinem und Holtzendorfs Jahrbuch1 (1877), 627 f.
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