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Dritter Abschnitt: Die Technik
Ortsgebundenhe.it: Ehedem mußte man die großen Kräfte aufsuchenund konnte sie nur dort nutzen, wo sie sich fanden. Das galt vor allemvon der Wasserkraft, die, wie wir gesehen haben (neben dem Holze) denStandort der frühkapitalistischen Industrie bestimmte. Aber auch derWindkraft zog man nach: auf dem Lande, wenn man Windmühlen er-richten wollte, auf dem Meere, wenn man nach den natürlichen Luft-strömungen die Schiffahrt ordnete. Die mechanischen Kräfte kann manüberall gleichmäßig nutzen.
Aucb auf andere Weise hat die moderne Technik die Bewegung aufder Erdoberfläche freier gemacht: auf dem Meere schon längst durch denKompaß, das Astrolabium, die Seekarten, deren Erfindung schon derfrühkapitalistischen Epoche angehört; in der neueren Zeit namentlichdurch die Entwicklung der Beleuchtungstechnik usw.
In einer besonderen Weise verringert das Öl als Feuerungsmaterialauf den Seeschiffen deren Ortsgebundenheit, indem es sie der Notwendig-keit enthebt, auf langen Fahrten bestimmte Orte anzulaufen, um Kohleeinzunehmen. Ein Schiff von 8000 Begistertonnen Laderaum und einemKohlenraum von 650 t mußte auf der Reise von Hamburg nach Japan undzurück achtmal bunkern. Ein gleichgroßes Schiff mit Ölbetrieb kann beieiner Aufnahmefähigkeit von 700 t Brennstoff die Hin- und Rückfahrtohne Brennstoffaufnahme machen.
Das Luftschiff durchkreuzt die Luft, ohne an eine bestimmte Fahr-straße wie der Landverkehr (und bis zu einem gewissen Grade auch derSeeverkehr) gebunden zu sein.
Die Einführung der Maschinerie hat die Industrie von den gelerntenArbeitskräften unabhängiger gemacht, die sie früher an deren Wohnortsich anzusiedeln zwangen. Ebenso ist die Industrie weniger an denStandort von Hilfsindustrien gebunden, da sie alle Produktionsmittel,insbesondere Maschinen und Maschinenteile, von fern her beziehen oderselbst Reparaturwerkstätten einrichten kann. Wirkung der Genauigkeit!Siehe Carnegie, Rector. Adress at St Andrew’s 1902 und vgl. Marshall,Industry and Trade, 169 f.
Zeitgebundenheit: Die frühere Arbeit war im weiten Umfange andie Tageszeit gebunden, das heißt, sie konnte — der Regel nach —zweckmäßig nur bei Tageslicht ausgeführt werden. Die Natürlichkeit allenfrüheren Wirtschaftslebens hat in dieser Gebundenheit an die helle Tages-zeit eine ihrer Hauptwurzeln. Mit der fortschreitenden Verbesserung derBeleuchtungstechnik änderte sich das. Es bestand nun die Möglichkeit,Tag und Nacht zu arbeiten. Und der Kapitalismus hat sich diese Möglich-keit sehr zunutze gemacht und würde es nach wie vor tun, wenn ihn nichtäußere Gewalten daran verhinderten.
Ebenso wie von der Tageszeit hat die moderne Technik die mensch-liche Arbeit von der Bindung an die Jahreszeit befreit. Manche Ge-werbe konnten ehedem füglich nur im Winter verrichtet werden, wie dieBierbrauerei; andere nur im Sommer, wie die Ziegelbrennerei, die Blumen-und Gemüsezucht, die Geflügelzucht. Jetzt besteht eine solche zeitlicheBeschränkung nicht mehr.