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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie

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aus dieses Problem mit der Aussicht auf erfolgreiche Behandlung an-gegriffen werden muß. Und ich will, ehe ich in die sachliche Erörterungeintrete, nur noch einen kurzen Überblick geben über die Fragen,deren Beantwortung die Lösung jenes Problems erheischt. Der Leserwird durch diese Übersicht besser vorbereitet für das Studium derbeiden Unterabschnitte, in denen ich die Antwort auf die verschiedenenFragen zu geben versuche.

Unseren Ausgangspunkt müssen wir nehmen von der Einsicht, zuder auch schon Marx gelangt war, daß es für den Kapitalismus zweipraktische Probleme gibt, oder daß sich sein Problem: woher bekommeich die notwendigen Arbeitskräfte in doppelter Gestalt gleichsam inzwei Stufen der Erfüllung darstellt: 1. Woher kommt die erforder-liche Zahl der Menschen? (Mengenproblem); 2. Woher kommt die er-forderliche Zahl der geeigneten Menschen? (Eignungsproblem). Jenesist die Frage nach der Entstehung des virtuellen, dieses die Fragenach der Entstehung des aktuellen Proletariats.

Die Menschenmasse, aus denen geeignete Lohnarbeiter hervorgehenkönnen, besteht entweder aus Unfreien oder Freien. Die Freien wiederumsind zweifacher Herkunft: sie entstammen, wie ich es genannt habe,entweder der Zuschußbevölkerung oder der Überschußbevölkerung.

Zuschußbevölkerung nenne ich diejenigen Elemente der Bevölke-rung, die ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verlieren und einen neuenErwerb suchen müssen: das sind selbständige Produzenten (Handwerker,Bauern), die gewaltsam aus ihrer Stellung vertrieben werden, oderderen Daseinsmöglichkeit durch widrige Umstände untergraben wird;das sind ferner Existenzen, die zwar nicht selbständige Produzenten,aber doch sonst irgendwie unterhalten waren, so daß sie der Lohnarbeitnicht bedurften, um leben zu können, und die nun durch irgendwelcheVerumständung ihren Unterhalt verlieren und dem Kapitalismus an-heimfallen. Hierher gehören etwa: entlassene Krieger oder Beamte,nicht mehr unterstützte Almosenempfänger, auf Nebenverdienst an-gewiesene Familienglieder, die ehedem in der Hauswirtschaft ihreArbeitskraft verwerten konnten usw.

Überschußbevölkerung dagegen nenne ich diejenige Bevölke-rungsmasse, die selbständige Produzenten (oder was dem gleich kommt)nicht werden können. Hier handelt es sich also um eine Bevölkerungs-schicht, die noch nicht selbständig war, aber auch von der ökonomischselbständigen Bevölkerung nicht aufgesogen wird, also um Bevölkerungs-bestandteile außerhalb, neben den selbständigen Existenzen. Es ist