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Fünfundzwanzigstes Kapitel
Die örtliche Anpassung
I. Die Übervölkerung des platten Landes
Was unsere Untersuchung an allgemeinen Entwicklungstendenzenim vorigen Unterabschnitt zutage gefördert hat, war dies: Die Be-dürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnis nach klarenEigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmöglicher Ausnutzungdes Grund und Bodens und deshalb rationeller Gestaltung des Wirt-schaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeitsverhältnis ihrem im-mittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen — die Befriedigung alldieser Bedürfnisse hat zur Folge, daß ein großer Teil der früherorganisch mit der Landwirtschaft verwachsenen, der gleich-sam bodenständigen ländlichen Bevölkerung entwurzelt,mobilisiert, Flugsand wird. Eine Entwicklung, die durch andere Um-stände Unterstützung erfährt: den Wegfall des gewerblichen Neben-verdienstes, das Erwachen des individualistischen Geistes unter derLandbevölkerung, diesen beiden Begleiterscheinungen der Ausbreitungund Erstarkung des gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung,die über die Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaussich auf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes undder kleinen Landstädte erstreckt. So stellt sich denn naturgemäß alsWirkung in breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung ein Zustandein, den wir als Landmüdigkeit bezeichnen können; sie mag er-zwungen oder freiwillig sein.
Das zweite Ergebnis unserer Untersuchungen war die Feststellungeiner überaus starken Bevölkerungszunahme seit dem Beginn des19. Jahrhunderts. Diese Bevölkerungszunahme hatte sich aber, wieein näheres Zusehen ergibt, ganz besonders stark in den ländlichenDistrikten vollzogen.
Das Ergebnis dieser beiden Entwicklungsreihen war eine aus-gesprochene Übervölkerung des platten Landes, der wirüberall am Ende der frühkapitalistischen Periode begegnen.
Was aber für das platte Land gilt, gilt teils aus denselben, teils aus