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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung

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3. Die 'periodischen Wanderungen

1. Verlegt ein Wanderer seinen Herd nicht an einen andern Ort,sondern kehrt er von seinem Wanderziel zu den Penaten zurück, soliegt eine vorübergehende Wanderung vor, die zu einer periodischenwird, wenn sie sich regelmäßig meist im Jahreswechsel wieder-holt. Diese periodischen Wanderungen von Arbeitskräften, die alsoan einem andern Ort als ihrem ständigen Wohnort ihre Arbeit ver-richten, haben seit alters her bestanden: wir begegnen ihnen schonwährend des europäischen Mittelalters in verschiedenen Formen. Esheißt aber jedes Sinnes für geschichtliche Zusammenhänge bar sein,wenn man nicht einsieht, daß erst die hochkapitalistische Periode dieseperiodischen Wanderungen zu einer allgemein verbreiteten Massen-erscheinung gemacht hat, die ihre Erklärung in denselben Ursachenfindet, die den Abstrom der Bevölkerung vom platten Lande in dieserZeitspanne überhaupt bewirkt haben. Die große Masse der periodischenWanderer gehört einer ganz bestimmten Gruppe der ländlichen Be-völkerung an: derjenigen, die Zwerglandwirtschaften in ihrer Heimatbetreiben, die ihnen den vollen Unterhalt nicht gewähren. Von derFamilie dieser kleinen Landwirte suchen während eines Teiles desJahres einige Glieder Arbeit an fremden Orten auf, während der Land-wirtschaftsbetrieb daheim von dem meist kümmerlichen Reste der Fa-milie aufrechterhalten wird.

2. Nicht eigentlich zur Gruppe der periodischen Wanderarbeitergehören deshalb diejenigen Arbeiter, die aus einer größeren Entfernung bis 20 Kilometer täglich zu ihrem Arbeitsorte mittels einesmodernen Verkehrsmittels sich begeben. Die Zahl dieser Fernarbeiterist sehr beträchtlich und wächst sicherlich beständig an: im Jahre1900 sollen es in Deutschland bereits 1% Milhonen oder 5,3 % der ganzenerwerbstätigen Bevölkerung gewesen sein, die solcherart von ihremWohnorte sich an einen entfernten Arbeitsort begeben haben. SieheH. Wolff in den Jahrb. f.. III. F. 39, 172. Aber es handelt sich indiesem Falle wohl meist schon um reine Lohnarbeiter.

Ebensowenig möchte ich zu den periodischen Wanderarbeitern die-jenigen Arbeiter rechnen, die am Anfänge einer Woche zu einem fernenArbeitsorte fahren und von hier am Ende der Woche zurückkehren,wie etwa die Bauarbeiter, die im Oderbruch wohnen und in Berlin beschäftigt sind. Auch das sind reine Lohnarbeiter.

3. Eigentliche periodische Wanderarbeiter sind, wie gesagt, solcheElemente, die das platte Land abstößt und die zu ihrem Einkommen