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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung

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Das gemeinsame ökonomische Merkmal aller reinen Industriestädteist ihre, wenn wir uns des Vergleichs bedienen wollen, aktive Handels-bilanz. Der Wertbetrag ihres Verzehrs wird durch die von ihnen ge-lieferten Erzeugnisse mindestens gedeckt. Bei genauerem Zusehenlassen sich dann zwei charakteristische Typen unterscheiden: sie könnenals industrielle Teilstadt und industrielle Vollstadt bezeichnet werden.

Die industrielle Teilstadt ist diejenige, in der der Regel nachder in ihr gewonnene Unternehmerprofit nicht zum Verzehr gelangt.In diesem Falle trägt also die Industriestadt nicht nur zur Erhaltungihrer eigenen Existenz bei, sondern ermöglicht die städtische Daseins-weise für andere, unter Umständen recht viele Personen. Die industrielleTeilstadt ist somit eine reine Arbeiterstadt, in der außer dem Industrie-proletariat nur gerade soviel Direktoren und Beamte wohnen, als dieWerke zu ihrer technischen Leitung durchaus gebrauchen.

Ein ausgesprochener Typus einer solchen Proletarierstadt ist inDeutschland beispielsweise Königshütte in Oberschlesien , überdessen soziale Schichtungsverhältnisse ich in der ersten Auflage(2, 215f.) einige Angaben gemacht habe.

Daß nun solcherart Städte quantitativ wie namentlich qualitativin ihrer Entwicklung eine gewisse Grenze nicht überschreiten können,ist einleuchtend. Reine Arbeiterstädte ragen selten über das Niveaueiner Mittelstadt hinaus, während der andere Typus der Industriestadt,derjenige, den wir die industrielle Vollstadt nennen wollten, dieNeigung hat, sich zur Großstadt auszuwachsen.

Hier bildet der Unternehmerprofit, der an Ort und Stelle zur Ver-ausgabung gelangt, zunächst den Anreiz zur Entstehung eines neuenStadtringes um den ursprünglichen industriellen Kern: der Stadt derLieferanten für die wohlhabende Bevölkerung, und es ist dann einnatürlicher Vorgang in der Städteentwicklung, daß ein Ring neuerstädtischer Bevölkerung einen zweiten, dritten usf. gleichsam aus sichhervorwachsen läßt. Ist dann die Stadt erst groß genug, um Mittelpunktfür Staatsrentner, das heißt Beamte und Militär, und ferner für denHandels- und Kreditverkehr der Umgegend abzugeben, so wird dasSchrittmaß ihrer Ausweitung ein immer rascheres: die aus kleinen An-fängen erwachsene primäre Industriestadt hat die Bahn derGroß-stadt beschritten. Vertreter dieses Typus sind beispielsweise in Deutsch-land von den aufgezählten Städten etwa Aachen, Barmen-Elberfeld, Krefeld, Chemnitz, Dortmund, Düsseldorf, Essen; von den amerika-nischen Städten alle mit (H) bezeichneten; ferner die meisten der ge-nannten englischen Industriezentren; in Frankreich Lyon.