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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
Geschmack entspricht, ist ein Haupterklärungsgrund für die starkeAnziehungskraft, die die Stadt auf die Masse ausübt, deren Geschmacknaturgemäß immer auf der niedrigsten Stufe steht.
Vor allem aber, das ist oft genug und mit vollem Rechte betontworden, ist es das Bedürfnis nach individueller Freiheit, was das Stadt-leben reizvoll erscheinen läßt. Die „Freiheit“, die früher auf den Bergenwohnte, ist heute in die Städte verzogen, und ihr ziehen die Massennach. Individuelle Freiheit bedeutet aber als Massenideal immer nurdie Freiheit „wovon“, die Ungebundenheit, die Befreiung von demZwange der Nachbarschaft, der Familie, der Herrschaft.
Der Grund, warum das Freiheitsideal sich so rasch unter die Massenverbreitet hat, ist — soweit nicht die bewußte Agitation, sondern dernatürliche Lauf der Dinge zu seiner Verallgemeinerung beigetragenhat — ein zwiefacher: erstens ist das Freiheitsideal erst durch dieStädteentwicklung zunächst einmal ein Massenideal geworden. Erstdie Stadt emanzipierte das Individuum, und erst in dem Maße, wiedie Stadt wächst, wächst das Empfinden großer Massen für den Wertder persönlichen Ungebundenheit. So entsteht ein neuer Maßstab fürdie Wertung des Lebens in den Städten und durch die Städte. Daßaber dieser Maßstab so schnell allgemeine Verbreitung findet, das istgewiß das Werk unserer modernen Verkehrsentwicklung. Ihre größteWirkung liegt in der Revolutionierung der Geister, die rascher, als esin früheren Zeiten ie der Fall war, von dem neuen Ideal städtischenKulturlebens ergriffen werden.
Es mag hier noch zur Bestätigung des Gesagten das Ergebnis einerRundfrage mitgeteilt werden, die die Societe d’Economie sociale bei240 Kürassieren veranstaltet hat über die Ursachen der Landflucht. DieUrteile der Befragten stimmen dahin überein, daß diese Ursachen seien„le manque de capitaux neeessaires ä un etablissement rural, le desird’une profession assurant une retraite, les salaires de la ville, la duretede l’austerite de la vie rurale, la negligence des instituteurs ä donner uneinstruction technique agricole, leur insistence ä vanter la ville, enfin l’in-fluence des femmes qui ne veulent pas se marier pour habiter la Cam-pagne“. Compte rendu du Congres de la Societe d’Economie sociale surla desertion des campagnes en 1909. 2, 15, zitiert bei A. Souclion, 1. c.pag. 123—24.