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Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte
Am deutlichsten aber tritt uns die Bedeutung des Baugewerbes vor dieAugen, wenn wir die Höhe seines Kapitalbedarfs feststellen. Dieser betrugin Deutschland (nach Eberstadt ) für den Wohnungsbau allein vor demKriege jährlich l x / 4 Milliarden Mark, im ganzen also sicher nicht wenigerals iy 2 Milliarden Mark, während der Nennbetrag aller inländischen undausländischen Industrieaktien und Industrieschuldverschreibungen, die1913 an der Berliner Börse zugelassen wurden, sich auf nur 550 MilllionenMark, also ein Drittel, belief.
Wenn wir mit Helfferich den in den letzten 15 Jahren vor demKriege in Deutschland akkumulierten Betrag auf 6—7 Milliarden ver-anschlagen so würde die zur Befruchtung des Baugewerbes allein be-stimmte Summe ein Fünftel bis ein Viertel davon ausmachen. Das wird unsnicht in Erstaunen setzen, wenn wir erwägen, wie viele Gewerbezweige Zu-sammenwirken, um die Baumaterialien zu liefern, die doch von dem obigenKapitalbetrag bezahlt werden müssen: Die Industrie der Steine und Erdenarbeitet fast ganz für das Baugewerbe, ebenso große Teile der Eisen-industrie und der Holzindustrie, aber auch die ganze Binnenschiffahrt umdie großen Städte, z. B. Berlin , herum dient nur dazu, die Baumaterialienherbeizuschleppen.
Und das alles ist so gut wie ausschließlich das Werk der Städte! (inderen Wachstum sich natürlich nur das natürliche Wachstum der Be-völkerung spiegelt, die sich aber in der Bauweise der modernen Städte einsehr teures Schneckenhaus geschaffen hat).
Außer dem Baugewerbe sind aber noch andere Gewerbe erst durchdie Städte zur Entwicklung gelangt und gewähren heute dem Kapita-lismus ein reiches Feld der Betätigung. Allen voran steht hier die Kino-industrie, die allerdings erst in den letzten beiden Jahrzehnten zurvollen Entfaltung gelangt ist. Sie soll heute die größte aller Industriensein. Aber längst schon ist das Gasthofgewerbe durch die Städte aus-gebildet worden.
Als Marktort im engeren Sinne ist die Stadt und vor allem, wennnicht ausschließlich, die große Stadt, für den Kapitalismus deshalbvon so großer Bedeutung geworden, weil in den großen Städten einzentralisierter Massenbedarf sich entwickelt hat, der eine der kapita-listischen Produktion und dem kapitalistischen Handel angemesseneForm des Absatzes begünstigt. Darüber kann ich erst später ausführlichersprechen, wenn ich zur Darstellung des wirtschaftlichen Prozesses imZeitalter des Hochkapitalismus komme.
3. Ebenso kurz kann ich hier den dritten Punkt erledigen: die Be-deutung der Städte als Arbeitsmarkt, auf den ja die Darstellungin diesem ganzen Abschnitte hinzielt. Ich habe oben schon daraufhingewiesen, daß die Städte unter Umständen für den Kapitalismus