Aclitundfünfzigstes Kapitel: Die Genossenschafts-Wirtschaft
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III. Die Bedeutung der Genossenschaftswirtschaft
Die Wirtschaftsgenossenschaften erfüllen im Zeitalter des Kapitalis-mus zwei ganz und gar voneinander verschiedene Aufgaben: einerseitsdienen sie als Hilfskonstruktionen, um vor- und außerkapitalistischeWirtschaftsformen, also das Handwerk und die Bauernwirtschaft,aber auch die private Konsumtionswirtschaft über Wasser zu halten,andererseits bilden sie, namentlich in der Form der vollendeten Kon-sumtionsgenossenschaft, das heißt der Konsumvereine, die zur Eigen-produktion übergehen, die bestehenden Wirtschaftsweisen zu einerüberkapitalistischen Wirtschaftsverfassung um.
Diese Aufgaben sind offenbar beide von einer grundsätzlich sehrgroßen Bedeutung. Es fragt sich nur, in welchem Umfange es den Ge-nossenschaften bisher gelungen ist, sie zu erfüllen. Um auf diese Fragezu antworten, genügt es nicht, die absoluten Ziffern zu kennen, in denendie Genossenschaftsbewegung zum Ausdruck kommt. Wir müssenvielmehr auch wissen, wie sich diese Ziffern zu den allgemeinen Pro-duktions- und Absatzziffern verhalten, um den größenmäßigenAnteil der Genossenschaftswirtschaft am gesamten Wirtschafts-leben im Zeitalter des Hochkapitalismus ermessen zu können. DieFeststellung dieses Anteils ist nicht in allen Fällen einwandfrei möglich.Immerhin werden die folgenden Ziffern dazu dienen, seine Größe insGefühl zu bringen.
Da ergibt sich nun die auffallende Tatsache, daß die Genossenschafts-wirtschaft in den verschiedenen Ländern eine sehr verschiedene Aus-dehnung erfahren und somit Bedeutung gewonnen hat: in ihrer Gesamt-heit und — noch mehr — in ihren einzelnen Teilen, so daß diese Arthier, die andere dort mehr zur Entfaltung gelangt ist. Die Gründedieser Verschiedenheit sind nicht immer ersichtlich; sie werden oftgenug in reinen, örtlichen Zufälligkeiten zu suchen sein.
Dasjenige Land, das der Genossenschaftsidee als Ganzem keinesehr große Sympathie entgegengebracht hat, sind die VereinigtenStaaten von Amerika . Kreditgenossenschaften gibt es hier fast garkeine; die Konsumvereine haben nur unter Negern, Polen, Italienern,Japanern, Finnen eine weitere Verbreitung gefunden; unter den Pro-duktionsgenossenschaften sind die Handwerkergenossenschaften so gutwie unbekannt, und nur die Farmargenossenschaften, hauptsächlichals Verwertungsgenossenschaften, haben in der letzten Zeit einenAufschwung genommen.
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