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Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere
Die spanische Flotte war noch zur Zeit Karls Y. eine reine Sold-flotte. Karl hielt überhaupt kein staatliches Kriegsschiff: sogar dieGaleeren, die er auf seine Kosten hersteilen ließ, übergab er Unter-nehmern zur Bewaffnung und Ausrüstung. Die Soldbeträge waren nachalten Ordonnanzen festgesetzt, zuletzt wurden sie durch die Ordonnanzvom 5. Nov. 1554 geregelt. Als „Unternehmer“, das heißt als die Geld-geber funktionierten bei den Ausrüstungen und Indienststellungen derSchiffe Adlige, Ritter, Grundbesitzer und sogar Kirchenfürsten. Karl V. benutzte aber nicht nur die spanischen Soldschiffe, sondern ebensoitalienische unter der Führung der Doria, Centuriones und Gohos. Aufsolchen Schiffen sah es, was die Disziplin und den ganzen Zuschnitt desLebens anlangt, nicht anders aus wie in einem Landsknechtlager: sogarWeiber zogen mit. Auf einer Expedition nach Tunis sollen nicht wenigerals 4000(1) „enamoradas“ an Bord gewesen sein 47 .
Aber was das Seekriegswesen vom Landkrieg unter-scheidet, ist doch vielleicht noch mehr und bedeutsamer.Vor allem: es hat nie einen Ritter zur See gegeben. Jeneaus dem Mutterboden der eigenen Scholle erwachsenen Einzel-krieger, die das Heerwesen des Mittelalters so charakteristischgestalten, fehlten aus rein äußerlichen Gründen im Seekriege.Die Taktik mußte hier grundsätzlich von Anfang an aufMassenwirkung ausgehen. Wenn auch beim Entern des feind-lichen Schiffes der Einzelkampf gepflegt wurde: die kriege-rischen Erfolge hingen doch im wesentlichen ab von der gutenManövrierung des Schiffes, die immer das Werk von vielenist, unter denen einer befiehlt, während die anderen seineWeisungen ausführen. Welch ein Unterschied (genau indenselben Jahrhunderten) zwischen einer Ritterschlacht und demKampf etwa venetianischer und genueser Galeeren, wo Hundertevon Sklaven auf den Ruderbänken sitzen!
Die zweite Eigenart des Seekrieges liegt in der Tatsachebegründet, daß die Kriegführung immer an einen außer-ordentlich starken Aufwand sachlicher Natur gebunden ist,der die persönliche Leistung oft weit an Bedeutung übertrifft.Zu der vollständigen Ausrüstung des Kriegers tritt noch dasSchiff, das herzustellen und zu bewegen unverhältnismäßigviel größere Mittel erfordert als die Bereitstellung von Waffen