Druckschrift 
3 (1838)
Entstehung
Seite
198
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198 Tas Neucstc aus dem Reiche des Witzes.

endlich die.Wissenschaften, und die Kunst zu denken verband sich i»itder Kunst zu reden; eine Stufcnstcigung, welche seltsam scheint,gleichwohl natürlich ist. Man fing an, den vornehmsten Lortheil desUmganges mit den Mnscn zu empfinden; nehmlich diesen, daß er dieMenschen gesellschaftlicher macht, indem er ihnen die Begierde einan-der durch ihres gemeinschaftlichen Beyfalls würdige Werke zu gefallen,einflößt - - Ihr ward, man die Anmuth der Gemüthsarten, die Ver-bindlichkeit der Sitten, welche den Umgang ungezwungen und wün-schenswcrth macht, und kurz, den Schein aller Tugenden, ohne eineeinzige davon zu haben, schuldig - - - Ehe die Kunst unser Betragengebildet, mid die Leidenschaften eine erborgte Sprache gelehrt hatten,waren unsre Sitten bäurisch, aber natürlich. Ver Unterscheid der Auf-führung verrieth sogleich den Unterscheid der Gemüthsarten. Tie menscheliche Natnr war deswegen nicht besser; die Leichtigkeit aber, einanderzn erforschen, ersparte den Menschen unzähliche Laster. Ietzo, da einfeinerer Geschmack die Kunst zu gefallen in Regeln gebracht hat,herrscht in unsern Sitten eine schimpfliche und bctrügliche Gleichheit.Immer befiehlt die Höflichkeit; stets regiert uns die Wohlanständigkcit;ohn Unterlaß folget man den Gebräuchen, und niemals seinen eignenEmpfindungen. Kein Mensch weiß mehr, mit wem er zn thun hat. - --Welche Begleitung von Lastern hat diese Ungewißheit bey sich! Ver-dacht, Argwohn, Furcht, Kaltsinnigkcit, Zurückhaltung, Haß, Vcrrä-therey; und alle verstecken sich unter der Larve der Höflichkeit. Manentheiliget nicht mehr den Namen des Höchsten durch Schwüre, aberman spricht ihm Hohn durch lästerliche Meinungen, ohne daß unserOhr dadurch beleidiget wird. Man rühmt nicht mehr seine eignen Ver-dienste, man verkleinert aber die fremden. Man beschimpft seinenFeind nicht gröblich, sondern man verleumdet ihn mit Kunst. TerNationalhaß erlöscht, aber mit der Liebe des Vaterlandes. An dieStelle der verachteten Unwissenheit ist eine gefährliche Zwcifclsucht ge-kommen. Man erkennt gewisse Ausschweifungen für schimpflich, gewisseLaster für entehrend, andre aber zieret man mit dem Namen der Tu-genden. Man muß sie haben, oder man muß sich wenigstens stellen,als ob man sie habe. - - - Auf die Art sind wir gesittete Völker ge-worden, und größten Theils haben wir den Wissenschaften und Kün-sten diese heilsame Veränderung zu danken. - - - Je stärker sich ihrLicht an unserm Horizonte ausgebreitet, je weiter ist die Tugend von