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I. Statistik.
sprechenden Gleichungen vermißte. Seine Untersuchungen, fährt erfort, hätten ihn zu einer Idee über die Wirksamkeit der Bevölkerungs-hemmnisse geführt; es sei ganz einfach: die Widerstände sind propor-tional dem Quadrat der Geschwindigkeit des Wachstums, ganz wie beiGegenständen, die sich in einem Widerstand leistenden Medium bewegen.Welche überraschende Ähnlichkeit zwischen den Gesetzen, denen dieNatur gehorcht und denen, die den Menschen beherrschen, fügt er mitBefriedigung hinzu, und ein Herr Verhulst, gestützt auf die Worte des 1Meisters, lieferte die Gleichungen nachträglich in den Abhandlungen derbelgischen Akademie.
Wenn es der Vorzug der angewandten Mathematik ist, ihren Stoffso vollständig zu begreifen, daß nicht bloß die Beschaffenheit, sondernzugleich alle Größenverhältnisse sich erklären, so kann es keine größereVerirrung geben, als den Gedankengang Quetelets: denn, statt zu unter-suchen, wie die Bevölkerung beschaffen ist (von der man doch in ganzanderem Sinne sagt, sie bewege sich, als bei bewegten Körpern), schlägter, am Worte haftend, vor, man möge sie nach der Analogie bewegterKörper betrachten — und dann freut er sich auch noch über die Ähnlich-keit zwischen den Gesetzen der toten Natur und der lebenden Gesell-schaft! Das ist nicht mehr ein Fehlgriff, über den sich ernsthaft redenließe; es ist ein so fundamentales Mißverständnis, daß es> außerhalbder Wissenschaft liegt und uns vorkommt wie der wüste Traum eineseingeschlafenen Astronomen.
Man darf daher wohl sagen, daß seine Bearbeitung der Bevölkerungs-statistik selbst bei ihrem Erscheinen i835 nicht auf der Höhe der Zeitstand, was damals weniger bemerkt' wurde, weil die Tatsache neuer An-regung der fast vergessenen Fragen dankenswert genug war. Er lieferteeine leichte und anziehende, aber nicht weit eindringende Wiedergabeeiniger eigenen und einiger Vorgefundenen Arbeiten. So sehr dieselbedurch Schärfe des Verfahrens und an Tiefe der Auffassung übertroffenwerden kann, so hatte die von ihm gewählte Behandlungsart jedenfallsden Erfolg auf ihrer Seite, so daß, insbesondere durch Anregung deramtlichen Praxis, Quetelets Arbeiten zweifellos zu vielen späterenLeistungen den Anlaß gaben. Auch hat er wohl gerade diese Richtungder sozialwissenschafllichen Studien, die zur Ergänzung anderer Rich-tungen bestimmt ist, am wenigsten überschätzt, während es sonst seineLiebhaberei ist, ungeahnte Aufschlüsse zu verkünden, die alles umzu-wälzen bestimmt sind.