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Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie : siebenundzwanzig Beiträge zur Sozialwissenschaft / von Georg Friedrich Knapp
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Erwin Nasse .

Nachruf, geschrieben für die Versammlung des Vereins für Sozialpolitik in Frank-furt a. M. vom 26. September 1890.

Das erste Geschäft unserer Versammlung pflegt die Wahl eines Vor-sitzenden zu sein. Wie diese Wahl heute ausgefallen wäre, wenn allesnoch so stände wie früher, ist nicht zweifelhaft; wir hätten jedenfallswieder den Mann zu diesem Ehrenamte berufen, der dasselbe seit vielenJahren mit größter Ausdauer und vollendetem Geschick verwaltet hat,unseren sozusagen geborenen Vorsitzenden, den Geheimen Rat ErwinNasse . Aber er weilt nicht mehr unter uns; er, das Bild männ-licher Kraft und Gesundheit, ist uns am L\. Januar 1890 völlig un-erwartet entrissen worden. Kaum 60 Jahre war er alt, als er derInfluenza zum Opfer fiel. Heute sind wir zum erstenmal seit diesem Er-eignis wieder versammelt, und haben die Pflicht, dem Schmerz überden erlittenen Verlust hier Ausdruck zu verleihen.

Was Nasse als Abgeordneter im preußischen Landtage, und was erals akademischer Lehrer in Bonn geleistet hat, soll hier nicht genauerbetrachtet werden. Wohl aber möchte ich einen Blick auf seine ge-lehrte Tätigkeit werfen; denn wir würden ihn, der durchaus ein Ge-lehrter war, auch als Menschen gar nicht verstehen, wenn wir über dieHauptseite seines Wesens ganz hinweggingen.

Nach kurzer Tätigkeit in Basel und in Rostock wurde Nasse imJahre 1860 als Professor nach Bonn berufen und hat da 3 o Jahrelang gewirkt. Damals, im Jahre 1860, waren die bekanntesten National-ökonomen Deutschlands wohl folgende zwei: K. II. Rau in Heidelberg und W. Roscher in Leipzig. Rau hatte seine umfassenden Lehrbücherim trocknen Stile wohlgeordneter Kenntnisse geschrieben; er war derletzte Vertreter einer achtbaren, aber im Veralten begriffenen Richtung,die wir den süddeutschen Beaintenliberalismus nennen könnten. Roscherbehielt die Form des breitangelegten Lehrbuches bei, aber er überraschtedie Leserwelt durch eine ganz ungewohnte Beleuchtung der Dinge, indemalles im Flusse der Geschichte dargeslellt wurde. Eine eigentlich sozial-politische Richtung gab es damals, vor dem Auftreten Lassalles, nochnicht. Das Wirken eines einflußreichen Redakteurs von Zeitschriftenwar noch nicht erfunden. Auch das Holtzendorffsehe Zeitalter der

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