Frankfurter Zeitung, 6. Juli 1917, Erstes Morgenblatt .
Es ist noch keine Woche vergangen, seitdem der Telegraph die Nach-richt brachte, daß Gustav von Schmoller uns durch plötzlichen Tod— auf einer Erholungsreise in llarzburg — entrissen worden ist.
Die zahlreichen Schriften dieses Gelehr len sind allen Nalional-ökonomen bekannt; auch weiß jedermann, daß er den Orden Pour Lemerite besaß und daß ihm der Adel verliehen war; er galt allgemeinals einer der einflußreichsten Männer auf dem Gebiete der Universiläts-verwallung in Preußen und war Mitglied des Herrenhauses. Aus dieserStellung aber ergab sich eine gewisse Unnahbarkeit: er stand höherals die anderen, war Exzellenz, und sein Wesen war den Jüngeren nichtohne weiteres verständlich. Man redete mehr über seine Macht als überseine persönlichen Eigenschaften, die nur den Altersgenossen völlig klarsein konnten, die seine Entwicklung miterlebt hatten.
Vielleicht darf ein Freund, der sich über fünfzig Jahre seines Um-gangs erfreute, ein Wort über die Persönlichkeit wagen.
Als junger Professor in Halle an der Saale kam Schmoller oft nachBerlin , auch gelegentlich in das Statistische Bureau, das damals (i865)unter der Leitung Ernst Engels stand: dort war eine reiche Bibliothek,deren Zeitschriften von ihm eifrig durchforscht wurden. Der junge Ge-lehrte war von großer Lebendigkeit, mit schwarzem vollem Haar undlangem Bart, von etwas bräunlicher Hautfarbe und hatte lebhafte, klugblitzende, dunkle Augen. Mehr als die Bibliothek zogen ihn aber dieArchive in der Klosterstraße an, wo er ungeheure Mengen von Akten lasund auszog. Er war damit beschäftigt, den preußischen König FriedrichWilhelm I. , den Vater Friedrichs des Großen, zu retten, der damalswesentlich als Liebhaber lang aufgeschossener Grenadiere galt und dessenwohlgeordnete innere Verwaltung fast nie jemand genauer studiert hatte.Viele Jahre, vielleicht zwei Jahrzehnte, hat Schmoller diese Studien be-trieben und in zahlreichen Aufsätzen dargestellt. Es schwebte ihm wohlanfangs vor, eine Biographie dieses Monarchen zu schreiben — denn seitdem Leben des Freiherrn vom Stein, das Portz herausgegeben halte, wardie allgemeine Aufmerksamkeit auf Biographien gerichtet. Später hater diesen Plan fallen gelassen: er wußte über jene Zeit sozusagen zuviel,