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wenn ich darangehc, meine Ideale aufzuslellen und zu verwirklichen?Wollte man aber geltend machen, daß in „Tendenz“ oder „Her-kommen“ die Notwendigkeiten zutage treten, die mein freies Han-deln beschränken, so wäre darauf zu erwidern, daß mit diesem Hin-weis der Boden des Erfahrungswissens verlassen und der des Evidenz-wissens betreten sei, über dessen Verwendbarkeit für unsere Zweckealsobald gesprochen werden wird.
Auch die Versuche, die ebenfalls hierher gehören: aus der „Natur“oder dem „Wesen“ des Menschen oberste Zwecke empirisch ableitenzu wollen, müssen scheitern. Denn offenbar werden ja die „Natur“oder das „Wesen“ des Menschen ihrerseits erst erkannt aus demobersten Zwecke, der dem Menschen gesetzt ist, das heißt aus derBestimmung des Menschen.
Deshalb lehnt, von ihrem Standpunkt aus wie mir scheint durchausmit Becht, die herrschende katholische Moralphilosophie die Versucheeiniger Moralphilosophen jesuitischer Observanz, wie des alten Suarezund des modernen Cathrein u. a. ab, die als das Wesen der Sittlich-keit die Übereinstimmung mit der vernünftigen Menschennatur be-zeichnen 76 .
Mit diesen Erwägungen scheint mir der pragmaiistische Beweiserledigt zu sein.
Wenn das Erfahrungswissen versagt, so hilft uns vielleicht dasEvidenzwissen weiter. Unter Evidenzwissen will ich die Einsichtin die Notwendigkeit eines Sachverhaltes verstehen. Und zwar in dasnotwendige Sein eines Sachverhaltes. Der Begriff „notwendig“ wird,wie das so üblich ist, in einem doppelten Sinne gebraucht (dieserdoppelte Sinn vertritt hier wie so häufig bei den „philosophischen“Eskamotagen, die ja so sehr beliebt sind, den doppelten Boden bei denTaschenspielerkunststücken im Variete), einmal nämlich im Sinneeines notwendigen Seins, das andere Mal im Sinne eines notwendigenSollens. Notwendiges Sein bedeutet, daß etwas nicht anders seinkann, notwendiges Sollen, daß etwas nicht anders sein soll. Für dasEvidenzwissen: „2X2 = 4“, „der Teil ist kleiner als das Ganze“kommt ersichtlich die Seinsnotwendigkeit in Frage.
76 Siehe die dagegenspreehenden Gründe bei J. Mansbach, a. a. 0. S. 3af.