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Forschung geworden, mit dessen Hilfe diese ihre Methoden in einerganz außergewöhnlichen Weise verfeinert und vervollkommnet hat.Die Als-ob-Betrachtung ist im Grunde nichts anderes als die äußersteKonsequenz des Nominalismus. Und nominalistisch ist die Wissen-schaft ihrer innersten Natur nach: „real“ ist für sie nur das zu-fällige einzelne, was „dahinter“steckt, ist imaginär, flatus vocis. Wiealle echte Philosophie realistisch, so ist alle echte Wissenschaftnominalistisch eingestellt.
Es ist ein glücklicher Gedanke, der wiederum dazu beiträgt, unserVerständnis für die ganz besondere Eigenart modern-wissenschaft-licher Einstellung zu vertiefen: die entscheidende Wendung, die dereuropäische Geist während des Mittelalters zum Nominalismusnimmt, in Zusammenhang zu bringen mit der schon erwähnten Auf-lösung der alten Gebundenheiten und der Zerstäubung der Mensch-heit, dann aber dieser nominalistischen Auffassung einen wesent-lichen Anteil an dem Aufschwünge der Wissenschaften zuzu-schreiben 4 . Während des Altertums und lange während des Mittel-alters bleibt das Individuum umschlossen von und verbunden mitgroßen Verbänden, zuletzt mit der Gemeinsamkeit der kosmischenNatur: daher ist das Interesse nicht auf die Erforschung der Einzel-tatsachen, sondern des Ganzen gerichtet. „Solange der einzelne nichtsich selbst als das Maß des übrigen fühlt, solange die eigene Personihm nur so weit von positiver Erheblichkeit zu sein scheint, als sieeingestellt ist in das seinen Wert auf sie ausstrahlende Ganze, isolange dünkt ihm auch das gegebene Reale in seiner Einzelheit nichtals ein würdiger Gegenstand seines Erklärungsbestrebens, wird esihm nicht zum wissenschaftlichen Problem.“
4 Siehe z. B. Dilthey, WW. Bd. II; Karl Pribram, Die Entstehung derindividualistischen Sozialphilosophie ( 1912 ), S. 4311.; P. Hofmann, Die anti-thetische Struktur des Bewußtseins (igi4), S. 346ff. Dio Ausführungen H.s sindsehr beachtenswert. Seltsamerweise aber macht II. den Schnitt zwischen Altertumund Neuzeit schon bei Augustinus, während doch in der Substantialität ihres DenkensAntike und Christentum ganz gewiß zusammengehören und der gemeinschaftlicheGegensatz zu dem funktionalistisch-nominalistischen Denken die Neuzeit bildet.Vgl. auch P. Honigsheim, Zur Soziologie der mittelalterlichen Scholastik in derErinnerungsgabe für Max Weber. 1928 . Band II.