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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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Zerfalls des einheitlichen Wissens: Die Wissenschaften und Künste,die einst der Philosoph zusammenhielt, fallen auseinander und werdenjede einzeln zu sachlich geregelten Disziplinen, in denen der leben-dige Mensch mit dem Fortschreiten der Wissenstechnik an Bedeutungimmer mehr zurücktritt. Diesen Vorgang können wir auch als die all-mähliche Entseelung und Vergeistung des Wissens bezeichnen 5 6 .

In die Augen springt der Gleichlauf zwischen dieser Auflösungeines ursprünglich mehrgliedrigen Ganzen des Wissens in zerstreuteEinzelbestandteile mit der gleichzeitig sich vollziehenden Zer-schlagung der komplexen Handwerkerarbeit in die Teil Verrichtungender modernen Industrie, die ich in meinemModernen Kapitalis-mus ausführlich dargestellt habe. Auch in der Sachgüterwelt läßtsich diese Entseelung und gleichzeitige Vergeistung der Betriebe be-obachten.

Aber der wichtigsten Neuerung, die mit dem Eindringen des wissen-schaftlichen Geistes in das Reich der Erkenntnis gebracht wird,haben wir nun erst zu gedenken, es ist

3. die Demokratisierung des Wissens. Wiederum tritt unsder grundsätzliche Gegensatz zwischen Philosophie und Wissenschaftentgegen. Es gibt ein einziges Reich der Philosophie, in dessen ver-schiedenen Provinzen die einzelnen Philosophen als Vizekönige mitmonarchischer Gewalt herrschen. Aber es gibt kein Reich der Wissen-schaft. Es gibt nur Bezirke des Wissens, das sind die einzelnenWissenschaften und deren Verfassungsform ist die demokratischeRepublik. Unbildlich gesprochen: während die Philosophie sich anden Kreis der Gleichgesinnten, der Jünger wandte, wendet sich dieWissenschaftan alle, an die ungegliederte Masse der Vernunft-wesen. Sie erstrebt und das ist ihr wichtigstes Kennzeichenim Gegensatz zur Philosophie Allgemeingültigkeit ihrer Er-gebnisse. Sie erstrebt universelle (zum Unterschiede von genereller)Allgemeingültigkeit im Sinne von subjektiver Allgemeinheit, dasheißt: von Einsichtigkeit für jedermann. Die Wissenschaft will

5 Der erste wohl, der diesen Vorgang gesehen hat, ist J. B. Vico. Siehe dessenäußerst lehrreichen Aufsatz: De nostri temporis studiorum ratione (1708),

in dem er auch als erster dem Monismus der wissenschaftlichen Erkenntnisweisenentgegentritt und besondere Verfahren für die Geistwissenschaften fordert.