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nis“ gute Dienste, bleibe aber theoretisch deshalb „bedenklich“, „weiles sich nicht in allgemeingültigen Formen fassen läßt und weildiesem einfühlenden Sich-Hinein-Versetzen die Einsicht in die Not-wendigkeit des erahnten (!) Zusammenhanges fehlt, die... allein einewissenschaftlich ernst zu nehmende Rechenschaftsablage ermöglichenwürde“.
Hier liegt doch eine unzweifelhafte Verkennung des Wesens unsererErkenntnisart zugrunde, die für eine Art „unio mystica“ gehaltenzu werden scheint. Bei der Vieldeutigkeit, die auch das Wort An-schauung“ und gar der Ausdruck „Intuition“ hat, will ich kurz dieBeziehungen angeben, die das Verstehen zu diesen beiden Begriffenhat. :
Da gilt es nun vor allem festzustellen, daß dieses mit „Anschauung“und „Intuition“ nicht mehr und nicht weniger als jede wissenschaft-liche Erkenntnisart, also auch das naturwissenschaftliche Denken, zutun hat. Ich halte deshalb auch die Gegenüberstellung, wie sie Salin 83vornimmt, von „anschaulichem“ und „rationalem“ Denken, nicht fürglücklich. Jedes fruchtbare Denken ist „anschaulich“ und jedes klareDenken ist „rational“, mag es sich auf Gegenstände der Natur odersolche des Geistes beziehen.
Daß jedes fruchtbare Denken nur auf dem Hintergründe einerlebendigen Anschauung des Konkreten, Individuellen, Ganzen statt-finden könne, sollte nicht zweifelhaft sein. In seiner herrlichen, „an-schaulichen“ Art hat das doch Schopenhauer ein für allemalwie folgt ausgesprochen 84 : „Das mit Hilfe anschaulicher Vorstellun-gen operierende Denken ist der eigentliche Kern aller Erkenntnis,indem es zurückgeht auf die Grundlage aller Begriffe. Daher ist es derErzeuger aller wahrhaft originellen Gedanken... Jede wahre undursprüngliche Erkenntnis muß zu ihrem innersten Kern oder ihrerWurzel irgendeine anschauliche Auffassung haben. Diese, obgleichein Momentanes und Einheitliches, teilt nachmals der ganzen Aus-einandersetzung, sei sie auch noch so ausführlich, Geist und Leben
83 E. Salin, Hochkapitalismus. Eine Studie über Werner Sombart, die deutscheVolkswirtschaftslehre und das Wirtschaftssystem der Gegenwart im Weltwirtschaft-lichen Archiv. Bd. 25 . Heft 2. 1927.
81 A. Schopenhauer, Von der vierfachen Wurzel usw. $ 28 am Ende. Vgl.jetzt auch N. Hartmann, Metaphysik der Erkenntnis. 1921, und Max Scheler, Idealismus und Realismus im Philosoph. Anzeiger. 3, 37 ^f.