des Ganzen den Sinn jeder Einzelerscheinung bestimmt. Wir habenuns hier eine überindividuelle geistige Realität vorzustellen, die ausSinnbezügen besteht; einen Bereich des objektiven Geistes, der abernicht in einem einzelnen Zweckzusammenhang fest umschrieben ist,sondern der sich über zahlreiche solcher Zweckzusammenhänge er-streckt, die sämtlich ihr Dasein doch jenem obersten Sinn verdanken,in dem sie gründen. Die einzelnen Zweckzusammenhänge erscheinenalso gleichsam als die Ausprägungen eines einheitlichen Sinnes, sieerhalten das Gesetz ihres inneren Maßes, die „Vernunft“ ihrer Ge-stalt und Gestaltung durch jenen übergeordneten Geist, in den sieeingebettet sind. Ebenso erfolgt jede Handlung — unbewußt — inÜbereinstimmung mit dem überindividuellen Sinnzusammenhange. Sogibt es — um das Gesagte an einem Beispiele aus einem anderenKulturgebiet zu verdeutlichen — einen „Geist“ der Gotik, in dem alleeinzelnen Kunstschöpfungen dieser Zeit, alle Zwecksetzungen dereinzelnen Künstler wie jedes ihrer Werke ihre Einheit finden 87 .
Das Muster eines solchen Stilzusammenhangs in unserem Kultur-bereich ist nun das Wirtschaftssystem. In letzter Zeit ist — imAnschluß an meine größeren Arbeiten — wieder mit großer Leb-haftigkeit die Frage erörtert worden: „was“ denn eigentlich der„Kapitalismus “, ob er eine „Realität“ und von welcher Art diese„Realität“ sei. Ich antworte darauf: er ist eine Realität in demSinne eines Stilzusammenhangs, wie ich ihn eben zu kennzeichnenversucht habe. Das erkennen wir daran, daß die einzelnen Er-scheinungen des Wirtschaftslebens „sinnbezogen“ auf eine über-individuelle geistige Einheit, um nicht das so sehr mißbrauchte Wort„Idee“ zu verwenden, sind, so daß sie selber einen realen Zusammen-hang bilden: die einzelne Unternehmung, der einzelne Lohnvertrag,die einzelne Buchung findet ihren „Sinn“ im Sinn des kapitalistischen Wirtschaftssystems; jeder Unternehmer, jeder Arbeiter handelt„orientiert“ am „Geiste“ des Kapitalismus .
Es ist nun einmal so: hier steckt etwas hinter der Einzelerschei-nung, das kein Nominalismus der Welt wegdeuten kann. Es ist außer-ordentlich schwierig, es zu bestimmen; aber da ist es. Ich bin auch
87 Vgl. Heinr. Wölfflin, Der Stil in der bildenden Kunst in den Abhand-lungen der preuß. Akademie der Wissenschaften. 1912.