Druckschrift 
Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
Seite
232
Einzelbild herunterladen
 

232

einander verwechseln. Es ist möglich, daß nur wenige einen Sinn-zusammenhang verstehen, wie die Einstcinsche Theorie oder Nicht-Chinesen die chinesische Sprache; es ist möglich, daß einen anderenüberhaupt kein Lebender versteht, wie die Hettiter-Sprache. Darumbleiben es doch verstehbare Zusammenhänge. Das wäre auch für unserarmes Fach schlimm, wenn die Verstellbarkeit schon da aufhörte,wo die Unverständigkeit der Nationalökonomen anfängt!

Nun aber gibt es doch auch wirkliche Grenzen des Ver-stehens. Wir können sie, vom Bereiche des Verstehens aus ge-sehen, als solche bezeichnen, die diesem nach unten hin und solche,die ihm nach oben hin Schranken setzen.

Grenzen nach unten hin liegen für das Verstehen zunächst dort,wo der Sinn aufhört, obwohl ein Sinn dasein könnte. Weder sindsinnlose Zeichen unzusammenhängende Buchstaben, Worte oderSätze verstellbar, noch sinnloses Verhalten von Menschen. Dasheißt nun nicht etwa, daß wir nur sinnvolles Handeln oder garnur rationales Handeln verstehen. Wir verstehen vielmehr auchirrationales Verhalten, wenn cs sinnbezogen oder sinnbeziehbar ist.So etwa eineBörsenpanik an einemschwarzen" Tage. Oder denTaumel der Menschen in einer Haussezeit. Aber völlig sinnlosesHandeln, bei dem auch gar keine Beziehung zu einem Simizusanmien-liang ersichtlich ist, verstehen wir nicht. Den Irren verstehen wirnicht. Ebensowenig Idiosynkrasien oderKomplexe: der größte Teilder Psychoanalyse (Traumdeutung!) fällt aus dem Bereich des Ver-stehens heraus und ist Naturwissenschaft. Überall wo dasUnbe-wußte als Erklärungsgrund auftaucht, hört das Verstehen auf.

Noch weniger vermögen wir dort zu verstehen, wo kein Sinn ist,weil kein verstehbarer Sinn da sein kann. Das ist aber überall dortder Fall, wo Kultur an Natur stößt, wo natürliche Tatsachen das Ver-halten der Menschen beeinflussen. Man beachte wohl: wir verstehendie Natur nicht. Das bedeutet selbstverständlich nicht Gott behüteuns vor einem solchen Irrwahne!, daß wir überzeugt wären, dieNatur habe keinenSinn. Aber ihn zu erfassen, reichen die Erkennt-nismittel der Wissenschaft nicht aus. Wer einenSinn der Naturzu kennen behauptet, muß sich bewußt sein, daß ihm dieser Sinndurch Offenbarung erschlossen ist.