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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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despositiven oderArbeitswissens zu, das gesucht wird, umHerrschaft über Menschen und Dinge auszuüben.

Unzweifelhaft liegt dieser Auffassung eine Wahrheit zugrunde.Aber sie enthält doch nicht die ganze Wahrheit. Sie ist ent-standen zu einer Zeit, als man unter Wissenschaft im wesentlichendie Naturwissenschaften, ja sogar nur die Wissenschaften von dertoten Natur verstand. Für diese gilt sie. Sie gilt schon nicht für dieWissenschaften von der lebendigen Natur. Denn es wäre absurd, an-zunehmen, daß man Zoologie nur treibe, um zoologische Gärten ein-zurichten, und Botanik, um die Heilkräuter für die Apotheker zubestimmen. Sie gilt bei richtigem Verständnis gar nicht für die Geist-wissenschaften. Wir haben gesehen, daß deren Verwendbarkeit fürpraktische Zwecke oder auch nur für die Ausbildung einer Kunst-lehre gering ist. Wenn diese Verwertbarkeit wirklich der einzigeZweck der Geistwissenschaften wäre, wenn man etwa Philologiewirklich nur betriebe, um Sprachen besser zu lernen, oder Kunst-wissenschaft, um sich vor Betrügereien im Kunsthandel zu schützen,so lohnte deren Studium der Mühe wahrhaftig nicht. Dasselbe giltvon der Nationalökonomie, die seit ihrem Bestehen kaum ein Staats-mann oder ein Unternehmer oder selbst nur ein Vertreter der Privat-wirtschaftslehre um ihren Rat gefragt hat. Ich habe gezeigt, daß siePraktikern und namentlich Kunstlehrern in Zukunft mehr sein könnte,als sie bisher gewesen ist. Aber ich möchte doch annehmen, daß dieBedeutung und der Sinn einer Wissenschaft wie der National-ökonomie noch woanders zu suchen seien als in dieser Verwertbarkeitfür praktische Zwecke. Sie hegen letzten Endes doch wohl in denEigenwerten, die sie schafft.

Aber die Wissenschaft und gerade auch die Geistwissenschaftsoll dochdem Leben dienen. Das ist die Anforderung, die heutejeder stellen wird, nachdem vor ein paar Menschenaltern NietzschesMahnruf erklungen ist 36 , den wir alle im Tiefsten unserer Seele fürberechtigt halten und der heute mehr denn je am Platze ist. Wir

36 Siehe namentlich seine zweiteUnzeitgemäße Betrachtung, die heuteimmer nochzeitgemäß ist, im i. Bande der alten Großoktavausgabe und dieNachträge dazu im io. Bande.