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Die drei Nationalökonomien : Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft / Werner Sombart
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wie der Wissenschaft erst dann ganz zu ermessen imstande sein, wennwir auch die überindividuellen,objektiven Kulturwerte gewürdigthaben, die sie hervorbringt oder in sich schließt.

Während wir nun Umschau halten nach diesen objektiven Eigen-werten der Wissenschaft, werden wir wieder einer Besonderheit derGeistwissenschaften inne, für die wir im Verlaufe der Darstellungschon mehrfach Symptome wahrgenommen haben: daß die Geist-wissenschaften nämlich in ihrer Vollendung niemals nurWissenschaft sind, das heißt sich in der Vermittlung von Sach-wissen erschöpfen, wie es die Naturwissenschaften in reiner Prägungoffenbar tun. Ihr Sinn wird deshalb auch niemals in einer Anhäufungim Wissen gefunden werden können: ihr Ideal ist niemals die reineQuantität, das bloße Mehrwissen wie bei jenen.

Die Naturwissenschaften, haben wir gesehen, stellen Regelnauf, die für längere Zeit und für alle Fälle ihres Bereiches Gültig-keit haben: die einzelne Erkenntnis gewinnt an Umfang und Tiefe,die eine reiht sich an die andere, die eine baut sich auf der andernauf. Das Naturwissen gleicht dem in der Kornkammer aufgeschütte-ten Haufen, zu dem immer mehr Korn hinzugetragen wird, odereinem Gebäude, das von Stockwerk zu Stockwerk anwächst, oder, umeinen dritten Vergleich zu machen: die Erfahrungen werden imNaturwissen kapitalisiert, wie Nietzsche es ausdrückt. Das Natur-wissen, das auf Quantifizierung ausgeht, ist selbst quantifizierbar: manweiß heutemehr als früher und wird morgenmehr wissen alsheute. Deshalb kann man auch mit gutem Fug in den Naturwissen-schaften von einemFortschritt reden. Daß das Wissen kein Wesens-wissen, sondern nur ein Regelwissen ist, macht diesenFortschrittmöglich.

Die Geistwissenschaften können dieses Ideal schon deshalb nichthaben, weil ihr Gegenstand unausgesetzt wechselt: sei es infolge einertatsächlichen Neugestaltung des Lebens, wie etwa in einer Wissen-schaft von der Wirtschaft, sei es infolge einer Umstellung der Er-eignisse wegen des veränderten Blickpunktes des Betrachters. (Soweitdiese Bedingungen für die Naturwissenschaften zutreffen, was jedochselten der Fall ist, gilt für sie dasselbe, was ich für die Geistwissen-schaften feststelle.) Deshalb kann man auch nicht sagen, daß eine

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