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Man könnte vielleicht fragen: woher kommt es denn aber, daßdie nordamerikanischen, die russischen u. s. w. Agrarier so lange Zeithindurch der industriellen Hochschutzzollpolitik nicht nur ruhig zuge-schaut, sondern sie sogar unterstützt haben — weshalb die „Gemüt-lichkeit" der doch weit überwiegenden agrarischen Majorität hier solange Zeit hindurch gedauert habe?
Der Gründe sind viele, und hier sind es die, dort jene. Beidiesem Thema länger zu verweilen, geht nicht an; nur auf die vor-nehmste Ursache dieses Phänomens möchte ich hinweisen.
Ist das Erwerbsinteresse der Landwirte der Rohstoffstaatendem Fabrikatzollsystem feindlich, so hat dieses dagegen ihr Steuer-interesse für sich. Dank der Einnahmen, welche Staaten wie die ge-nannten aus den Zöllen machen, kommen die Agrarier um die andern-falls drohende, ihnen fatale Notwendigkeit, mit höheren Grund- oderEinkommensteuern belastet zu werden, herum. Verbrauchssteuern inZollform zu zahlen ist ihnen, besonders den führenden Landmagnaten,bequemer als einer rigorosen Besitzbesteuerung zu unterliegen.
Ist es in den Industriestaaten, z. B. in Deutschland , das Er-werbsinteresse, welches die Koalition der Großagrarier und gewisserGroßindustriellen behufs Schutzzollpolitik geknüpft hat, so ist es in denRohst off staaten das Steuerintcresse.
Wie aber für die Koalition, die das Erwerbsinteresse, so kommtauch für die Koalition, die das Steuerinteresse geknüpft, ein Tag, dasie brüchig wird und schließlich bricht — eine Zeit, da in den In-dustriestaaten die Industriellen begreifen, daß dem Erwerbsinteresseihrer Mehrheit eine Freihandelspolitik besser dient, in den Rohstoff-staaten die Agrarier einsehen, daß sie besser sahren, wenn sie, auchum den Preis einer Schädigung ihres Steuerinteresses, wider denJndustrieschutz Front machen. —
So sicher es ist, daß die Rohstoffstaaten von heute sich in-dustrialisieren werden, so sicher ist andererseits, daß die Metamor-phose, die demzufolge in den Industriestaaten von heute eintretenwird nicht wie ein Blitz aus heiterm Himmel oder ein „elektrischerSchlag", auch nicht in dem Tempo der „Siebenmeilenstiefel" ^) heran-eilen kann. Wenn überhaupt, so wird nur allmählich, im Verlausevon Jahrzehnten, der Fabrikatenexport einschrumpfen wie pari r>s,ssu,gleichen langsamen Schrittes, der Rohstoffimport. Und ebenso all-mählich wird in den Industriestaaten das Wachstum der Rohstoff-
') Oldenberg, S. 19.