4 I. Der Standpunkt der Naturwissenschaften nm die Wende des 18. Jahrhunderts.
plausiblen kosmogonischen Theorie, welche das folgeweise sich voll-ziehende Ausscheiden jedes einzelnen Wandelsternes aus der Gesamt-masse als eine notwendige Folge der Gesetze der Zentrifugalkraft,Abkühlung und Zusammenziehuug hinstellte. Mit Unrecht sprichtman häufig vou einer Kant-Laplaceschen Hypothese, denn wennauch der deutsche Philosoph Jmmauucl Kant (1724—1804) inseiner „Naturgeschichte des Himmels " von 1755 denselben Ideennachhing, welchen der französische Mathematiker in der „Expositionäv. Systems äu raonäs" von 1796 Ausdruck verlieh, so war doch imerstgeuaunten Falle die Kenntnis der mechanischen Fundamentalwahr-heiten noch bei weitem uicht so vollkommen, um darauf Folgerungenvon größerer Tragweite begründen zn können. Mit den genanntenFranzosen wetteiferte in jeder Beziehung Leonhard Euler ausBasel (1707—1787), dem außer zahllosen Abhandlungen über alleZweige der reinen und angewandten Mathematik die Abfassungregelrechter Lehrbücher der Lehre vom Gleichgewichte und von derBewegung uud damit die Möglichkeit zu ruhigem, systematischemFortschreiten in diesen bis dahin noch zumeist auf geniale Inspi-ration angewiesenen Disziplinen zu danken ist.
Mit so staunenswertem Wachstum derjenigen Abschnitte derPhysik, welche in engster Wechselwirkung mit der Mathematik stehen,hatte allerdings die übrige Naturlehre noch nicht gleichen Schritthalten können, allein immerhin war doch auch für Beobachtungund Experiment eine neue Epoche angebrochen. Man hatte gelernt,der Natur Fragen vorzulegen uud sie zu deren Beantwortungunter gewissen Bedingungen zu zwingen. In seiner vortrefflichenMonographie „Lssai sur ä'odsörvör st äö tairs äss sxps-
risness" (Genf 1775) erörterte I. Senebier (1742 —1809) dasWesen der Experimenticrtechnik, und in den Instituten der Uni-versitäten, unter denen dasjenige Lichtenbergs in Göttingen alsdas best ausgestattete galt, wurden bereits gelegentlich ausgedehntereExperimentaluutcrsuchungen ausgeführt. Ein Blick in die besserenphysikalischen Lehrbücher jener Zeit belehrt uns, daß das System derWissenschaft der Hauptsache nach bereits ganz den Inhalt nmfaßte,der ihm nahezu hundert Jahre verbleiben sollte; beginnt ja docherst die allerueueste Zeit damit, eine neue Systematik auf dem