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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Anorganische und organische Chemie.

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prinzipielle, sondern mehr eine durch äußere Gründe veranlaßte,indem eben die organische Chemie rasch zu einem solchen Umsangeund zugleich zu so hoher Wichtigkeit für die theoretisch-chemischenAnschauungen gelangt ist, daß sie gebieterisch ihren eigenen Platzunter der Sonne erheischte, wie denn auch die große Mehrzahlder modernen Chemiker vorzugsweise auf organischem Gebietearbeitet. Man wird annehmen dürfen, daß eine gewisse Supre-matie der jüngeren Schwester in den fünfziger Jahren hervorzu-treten begann, und wir werden deshalb gut daran thun, um dieseZeit herum die untere Grenze dieses Abschnittes anzusetzen, wennauch an derselben eine gewisse Willkürlichkeit haften mag. In dasJahr 1852 fällt die Berufung Liebigs nach München , und eswird nicht bestritten werden können, daß von diesem Zeitpunkteaus gerade die organische Chemie, die nun auch einen immergrößeren Kreis von Anwendungen erschlossen erhielt, sehr namhafteFortschritte machte. Es mag deshalb dieser Markstein für denInhalt des gegenwärtigen Abschnittes, und zwar um so eher alssolcher aufgerichtet werden, weil das genannte Jahr ziemlich gutmit denjenigen Zeitgrenzen übereinstimmt, bis zu denen wir weiteroben die Berichterstattung über die anderen Zweige der Natur-wissenschast fortgeführt haben.

Eine erläuternde Bemerkung können wir dabei nicht unter-drücken. Dein Fernerstehenden möchte es vielleicht als eine In-konsequenz erscheinen, daß ein Buch, welches programmgemäß undnach dem klaren Sinne der Titelworte die Geschichte der an-organischen Naturwissenschast darzustellen bestimmt ist, gleich-wohl ans die organische Chemie ausgedehnt werden soll. Wirdeuteten schon an, daß der in der Ausdrucksweise gelegene Gegen-satz lediglich ein konventioneller und kein wirklicher ist, daß viel-mehr auf alle uns bisher bekannten Körper, mögen sie nun, wieman früher sagte, dem Mineral-, Pflanzen- oder Tierreiche ent-stammen, die allgemeinen chemischen Gesetze ganz gleichmäßig An-wendung finden. Die pflanzlichen und tierischen Körper bauensich nun aber, insoweit überhaupt ihre Sonderart in Betrachtkommt, hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen auf, und es hättedeshalb, insbesondere eben zur Hintanhaltung von Mißverstand-