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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Entdeckung des Isomorphismus.

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z. B. zu für Selen- und Schwefelsäure, für Nickel- uud Eisen-oxydul u. s. w. Man begreift, daß eine solche Umwälzung großesAufsehen machen muß, und die Geschichte der Entdeckung des Iso-morphismus, wie sie E. Wohlwill (geb. 183S) monographischbearbeitet hat, gehört zu den interessantesten Spezialkapiteln inner-halb der Geschichte der Chemie. Es begegnet uns auch hier, wasja niemals gänzlich vermißt wird, daß nämlich auch zuvor schondieser und jener Forscher Wahrnehinnngen machte, die, hätte er siekonsequent verfolgt, zu der Entdeckung selbst hätten hinleiten müssen;allein dadurch wird das Verdienst des wirklichen Entdeckers nichtgetrübt, der eben den Schlußstein einsetzte. Gay-Lnssac, Beu-dant, Gehlen, Nep. Fnchs (17741856) waren der Wahr-heit sogar ziemlich nahe gewesen; vorzugsweise der letztere, derklar erkannt hatte, daß gewisse Stoffe er nannte sie dievikariierenden an Stelle derjenigen, die gewöhnlich diesenPlatz einnehmen, in Mineralverbindungen eingehen können. Aberdem anscheinend seltenen Vorkommnis ward keine weitere Trag-weite beigemessen. So zögerte sich also die Erkenntnis eines ganzunerwarteten Verhaltens der Naturkörper uoch länger hinaus.Berzelius war von der Entdeckung Mitscherlichs im höchstenGrade überrascht uud bezeichnete sie alsdie wichtigste seit Auf-stellnng der Lehre von den chemischen Proportionen."

Es kann nicht überraschen, daß der Meister die großartigePerspektive, welche nunmehr für die Erforschung der inneren Kon-stitntion der Körper sich zu eröffnen schien, freudigst begrüßte.Deu sozusagen geometrischen Charakter der Jsomorphie insofernetwas überschätzend, als thatsächlich auf deren Zustandekommendoch auch die chemische Natur der Atome nicht ohne Einfluß ist,zog Berzelius den Schluß: Sind zwei isomorphe Körper vor-handen, und weiß man, wie viele Atome in dem einen derselbenenthalten sind, so kennt man auch die Anzahl der Atome in demanderen, weil sie gerade so groß ist. Diese Thatsache schien ihmfür die Ermittlung der Atomgewichte einen vortrefflichen Finger-zeig abzugeben, und wie erwähnt, setzte ihn sein genialer Taktauch in den Besitz von Werten, die sich trotz der nicht völlig ein-wandfreien Prämisse als nur geringfügiger Verbesserungen bedürftig