Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
355
Einzelbild herunterladen
 

Begründung der Gaskinctik,

355

Joules Experimente, noch einen Schritt weiter und definierte:Absolute Temperatur ist ein Bruch, dessen Zähler dasmechanische Äquivalent der Wärmeeinheit, dessen Nennerdie Carnotsche Funktion darstellt. So war es denn alsomöglich geworden, alle die verschiedenen Begriffe, zu deren Be-stimmung die Notwendigkeit einer einwurfsfreien Definition desWechselverhältnisses von Wärme und Arbeit hingedrängt hatte, auchunter sich in engste Verbindung zu bringen. Aber freilich war dieArt der Bewegung, welche man Wärme nennt, noch nicht er-schöpfend festgestellt; nach dieser Seite hin erheischte die Thermo-dynamik ihre Erweiterung gebieterisch, und es war einleuchtend,daß lediglich die Lehre von den Gasen, auf welcher ja auchClausius fein Lehrgebäude aufgerichtet hatte, die Mittel für einesolche Ausgestaltung zu liefern imstande sei. Die Mechanik derWärme bedürfte zu ihrer Ergänzung dringend einer kinetischenGastheorie.

Unter Wärme", so äußerte sich 1851 L. F. Wilhelmy(18121864), einer der ersten, die den chemisch anerkanntenUnterschied zwischen Atom und Molekül auch in der Physikwieder aufleben ließen,versteht man einen von der Schwingungs-geschwindigkeit der Moleküle abhängigen Effekt." Es war also so-viel klar, daß Wärme eine oszillatorische Bewegung derKorpuskeln bedeutete. Nahm man dies als Thatsache hin, sowar leicht einzusehen, daß die lebendige Krast eines schwingendenMoleküls, wie früher bemerkt ward, der Temperatur proportional,wo nicht für diese der unmittelbar adäquate Ausdruck sein mußte.Joule im Gegenteile hatte den Elementarbestandteilen erwärmterKörper eine translatorische Bewegung zugeschrieben. EineKonkordanz zwischen beiden Ansichten stellte A. K. Kroenig(18221879) her, ein scharfer Denker, der stets mit Clausiuszusammen genannt werden muß, wenn von der Begründung einesder wichtigsten Zweige der modernen Physik die Rede ist,

Kroenig hat in die Atomistik, die sich in einem Zustandeunsicheren Schwankens befand, zuerst wieder feste Grundlehrenhineingetragen. Wir hörten, daß Faraday eher Dynamiker war,und daß unter seinen Händen sich die Atome, denen wir doch

23 *