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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Neue Auffassung des Begriffes Aggregatzustand.

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Wärme nennen," vor die Öffentlichkeit. Zwischen ihm und seinemVorgänger herrscht in dem Hauptpunkte Übereinstimmung; nurstellt Clausius den vollkommenen Gasen, sür welche die so-eben besprochenen Bewegungsgesetze uneingeschränkte Geltung haben,die gewöhnlichen, schon mehr oder weniger in einem Zwischen-zustaude befindlichen Gase gegenüber, für deren Urbestandteile erDrehbeweguugen nicht als ausgeschlossen ansehen will. Wasseine Darlegungen der thermischen Atomistik besonders wertvollmacht, das ist die Zurückführung der drei sogenannten Aggregat-zustände auf eine Verschiedenheit des Bewegungszustandes derkleinsten Körperbestandteile, und zwar auf eine quantitativeVerschiedenheit, denn daß qualitativ eine solche kaum werde be-stehen können, mußte nach den im achten Abschnitte geschildertenVersuchen von Faraday u. a. über Gasverflüssigung wohl ge-schlossen werden. So lange ein Körperfest" ist, gehört zu jedemMolekül auch eine stabile Gleichgewichtslage, welche jenes ein-nimmt, wenn die Temperatur gerade auf dem absoluten Null-punkte steht, während es sonst um die Gleichgewichtslage oszilliert.Letztere geht bei eiuemflüssigen" Körper verloren; indessen istdie Bewegungsenergie noch keine so lebhafte, daß das Einzelmolekülaus der Wirkungssphäre seiner Nachbarmoleküle gänzlich los-getrennt würde; nur in einer oberflächlichen Schicht, welche nachoben zu einen lockereren Zusammenhang aufweist, kann es geschehen,daß die Moleküle in raschere Bewegung geraten, ihre Verbindungmit ihresgleichen ganz einbüßen und geradlinig sich fortbewegen.Dies ist der Prozeß der Verdunstung oder Verdampfung, jenachdem dieses Losringen der Moleküle mit geringerer odergrößerer Geschwindigkeit vor sich geht; hindert ein abgeschlossenerRaum, in welchem sich die ihrem Grenzzustande sich näherndeFlüssigkeit befindet, die einzelnen Körperchen daran, ihren Wegnach oben weiter fortzusetzen, so müssen dieselben wieder mehr oderweniger in derselben Weise schwingen, wie sie es zuvor als Be-standteile der tropfbaren Flüssigkeit thaten; d. h. es bildet sich überder Verdampfungssläche ein wiederum verschiedener Zustand aus.Der Raum ist mit Dampf gesättigt, und wenn jetzt durchTemperaturrückgang die Bewegungsenergie der vibrierenden Körper