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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Neuere Theorien über die lunareu Gebilde.

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der Mondkugel, wie solche ja auch beispielsweise zu staube kommen,wenn eine schon matte Flintenkugel eine Glasscheibe durchbohrt.Sehr umfassend und zugleich umsichtig ist die Darlegung der geo-logischen Entwicklungsgeschichte unseres Trabanten, mit welcherP. H. Puiseux (geb. 1855) und M. Loewy (geb. 1833) 1897hervortraten. Beide Gelehrte haben durch aufmerksame Betrachtunggenauer photographischer Mondkarteu die Überzeugung gewonnen,daß die einzelnen Mondgebilde keineswegs gleichzeitig entstandensind, sondern daß sich bei ihrer Bildung gauz ebenso verschiedenechronologische Perioden unterscheiden lassen, wie dies vonunseren Erdgebirgen bekannt ist; anch werden korrekterweise nebenden besonders wichtigen vulkanischen Prozessen nicht minder tekto-nische zugelasseu. Die rätselhaften Rillen, die der AmerikanerE. Ch. Pickering (geb. 1846) trockenen Flußbetten an dieSeite zu stellen bereit ist, werden von Pniseux und Loewy derPrimordialperiode iu der Lebeusgeschichte des Moudes zugerechnet;diese meist geradlinigen Risse klafften auf, als die Rinde noch einerleichten horizontalen Verschiebbarkeit sähig war. Manche Züge hatmit der eben erwähnten Systematik der lunareu Individualitätenjene gemein, welche ziemlich gleichzeitig der Wiener GeologeEduard Sueß (geb. 1831) aufstellte. Die sogenannten Meere mars iinkrium, irmrs Lsreriitatis u. s. W., die selbstverstäud-lich keine Wasseransammlungen sein können, weil die ausgebrannteMondschlacke der Flüssigkeit entbehrt, sind nach Sueß gigantischeAufschmelzuugs Herde, uud die Strahleusysteme identifiziert ermit linear gelagerten Ex halations stellen, deren Produkte sich, wiemau dies in: Bereiche der Kordilleren bestätigt finde, dnrch lebhafteLichtreflexion auszeichnen sollen. Man ersieht aus dieser kurzenÜbersicht, daß die modernste Selenologie durch die steten Ver-gleiche zwischen dem Oberflächencharakter des Mondes und der Erdeeine Fülle tiefgreifender Anregungeil empfangen hat. Als einenfundamentalen Gegensatz zwischen beiden Weltkörpern wäre manfreilich den hinzustellen versucht, daß auf unserem Planeten dieOberfläche sich in einem Zustande stetiger, fortschreitender Um-änderung befindet, wogegen nnser Begleiter gänzlicher Erstarrunganheimgefallen zu sein scheint. Immerhin glauben doch gewiegte

Günther, Anorganische Naturwisscnschaslen. 27